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Streitkulturen

Die Arbeitsgruppe

Wissenschaft heisst Debatte. Was lange eine Selbstverständlichkeit war, die in Preisverleihungsreden und Universitätsjahrbüchern beschworen, aber nie wirklich auf die Probe gestellt wurde, steht nun plötzlich in Frage - oder bedarf zumindest einer Neuinterpretation. Denn die Veränderungen der Debattenkultur, die derzeit das politische System erschüttern, erfassen auch die Wissenschaft.

Die AG Streitkulturen befasst sich vor diesem Hintergrund mit der Rolle der Wissenschaft im gesellschaftlichen Diskurs. Was bedeutet es, wenn Expertise und wissenschaftliche Analyse keine selbstverständliche Autorität mehr beanspruchen können, sondern sich zunehmend einer ähnlichen Form von Elitenkritik ausgesetzt wie Journalismus oder Politik? Fehlen heute große intellektuelle Figuren in der Öffentlichkeit, die Einfluss auf politische Debatten nehmen würden? Und wie ließe sich das ändern?

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Daneben beschäftigt sich die AG aber auch mit der Frage, wie in der Wissenschaft selbst gestritten wird. Schließlich unterscheiden sich die Kulturen des Streits in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen erheblich. Außerdem finden auch wissenschaftliche Debatten zunehmend in den sozialen Medien statt, die eine viel schnellere, schärfere und stärker zugespitzte Kommunikation ermöglichen. Wie kann unter diesen Bedingungen der Streit um das bessere Argument geführt werden kann, ohne dass bleibende Verletzungen entstehen? Und gibt es so etwas wie eine Ästhetik des Streitens?

Die Diskursformen in der Wissenschaft und in der Gesellschaft sind also im Wandel. Die AG versucht diesen Wandel zu verstehen und Impulse dafür zu entwickeln, wie er gestaltet werden kann.

21.05.2022: Workshop „Rezension, Peer-Review, Tweet. Alte und neue Qualitätsurteile in der Wissenschaft“

Was verdient, veröffentlicht zu werden? Und was aus der Flut der Publikationen sollte man lesen? Wissenschaftliche Selektionsprozesse basieren ganz wesentlich auf Qualitätsurteilen über Forschung. Diese Qualitätsurteile können anonym sein, wie beim Peer Review, oder öffentlich, wie im Fall der Rezension. In jedem Fall sind sie Türhüter, die darüber bestimmen, welche Forschungsbeiträge Sichtbarkeit bekommen und welche nicht. Und: Sie sind selber Orte des wissenschaftlichen Streits: Wer wissenschaftlich ganz anderer Meinung ist, schreibt häufig nicht einen Artikel oder gar ein Buch, um seine Kritik zu äußern, sondern greift erst einmal zum Instrument der Rezension.

Bei ihrem Workshop wollen Mitglieder der AG Streitkulturen diskutieren, welche Normen diese Form der Auseinandersetzung prägen und wie sie sich verändern. Wie unterscheiden sie sich von Fach zu Fach? Wer darf wen kritisieren und wie wird die Kritik formuliert? Dabei planen sie drei Teile des Workshops mit unterschiedlichen Gästen.

Erstens wollen sich die Mitglieder mit Geschichte und Rahmenbedingungen des "Peer Review" beschäftigen, wofür sie den Historiker Caspar Hirschi gewinnen konnten, der sich in seiner Arbeit mit der öffentlichen Rolle von Experten als auch mit dem „Peer Review“ beschäftigt hat. Zweitens wollen sie sich dem Thema "Rezensionen" widmen, wozu Jens Bisky zu Gast sein wird, der lange für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung geschrieben hat und jetzt in der Redaktion des Rezensionsportals Soziopolis arbeitet. Während es bei diesen beiden Themen stark um Institutionen geht, wollen sie sich im dritten Teil schließlich mit Kommunikation und der konkreten Formulierung von Kritik auseinandersetzen. Dafür konnte die Germanistin Lisa Rhein gewonnen werden, die sich sowohl mit Wissenschaftskommunikation als auch mit Sprach- und Diskurskultur beschäftigt.

 

Bei allen drei Aspekten interessiert schließlich, wie neue Foren und Formate den Diskurs über wissenschaftliche Qualität verändern: was passiert da eigentlich genau auf Twitter?

 


Programm

 

10:00 Uhr    Begrüßung und Vorstellung der Teilnehmenden


10:15 Uhr    1. Impuls (ca. 20 min) Caspar Hirschi und anschl. Diskussion

 

11:15 Uhr    Kaffeepause

 

11:45 Uhr    2. Impuls Jens Bisky (ca. 20 min) und anschl. Diskussion


12:45 Uhr   Mittagspause


13:30 Uhr    3. Impuls Lisa Rhein (ca. 20 min) und anschl. Diskussion


14:30 Uhr    Schlussdiskussion


15:15 Uhr    Wrap-up und Ende der Veranstaltung

2021: Cha(lle)nging Perspectives mit Chantal Mouffe

Welche Rolle spielt Streit in der Politik? Nach welchen Regeln und mit welchem Ziel wird dort gestritten? Und wie steht es um den Streit in der Wissenschaft?

Über diese und weitere Fragen diskutierten am 24.03.2021 die Mitglieder der Arbeitsgruppe "Streitkulturen" Eva Buddeberg (Philosophie, Goethe-Universität Frankfurt), Lukas Haffert (Politikwissenschaft, Universität Zürich), Valeska Huber (Geschichte, Freie Universität Berlin) und Christoph Lundgreen (Alte Geschichte, Universität Bielefeld) in der Veranstaltungsreihe "ChallengingPerspectives" mit Chantal Mouffe.

Chantal Mouffe ist Politikwissenschaftlerin und Professorin für politische Theorie an der University of Westminster in London. Sie ist Mitbegründerin der "Radikalen Demokratie" und Vertreterin einer agonalen Demokratietheorie. Sie begreift Politik als einen Raum des Konflikts und beschäftigt sich in ihren Publikationen unter anderem mit dem spannungsreichen Verhältnis, das Demokratien kennzeichnet: Ideen individueller Freiheit und Menschenrechten einerseits und Gleichheit und Volkssouveränität andererseits. Im Suhrkamp Verlag erschienen zuletzt von Chantal Mouffe "Agonistik" (2014) und "Für einen linken Populismus" (2018).

Durch den Abend führte Simon W. Fuchs (Islamwissenschaft, Universität Freiburg) und ebenfalls Mitglied der AG "Streitkulturen". Eröffnet wurde der Abend durch einen Impulsvortrag von Chantal Mouffe. Anschließend diskutierten die Mitglieder der Jungen Akademie die Themen des Abends mit ihrem Gast.