Wir waren nie nur Mensch

Wie lässt sich Welt und Wirklichkeit jenseits eines humanistischen und anthropozentrischen Blicks denken?

Abstrakte digitale Illustration auf schwarzem Hintergrund, die ineinander verschlungene hellgelbe und rosa Formen zeigt, die an anatomische Strukturen erinnern, darunter verzweigte, baumartige Strukturen, gewundene, röhrenförmige Segmente, gefaltete, gewebeähnliche Oberflächen und unregelmäßige organische Konturen.
Illustration: Anna Rosinke, 2026

Die Ausstellung

Der Titel dieser Ausstellung (29.10.2026 bis 20.06.2027) enthält eine Herausforderung: Wir waren nie nur Mensch. Auf den ersten Blick scheint das Medizinhistorische Museum der Charité ein Ort zu sein, an dem genau das Gegenteil der Fall ist: Präparate, Instrumente und Sammlungsobjekte, die über Jahrhunderte dazu dienten, den Menschen zu untersuchen, zu verstehen und in den Mittelpunkt zu stellen – ein Museum des anthropozentrischen Blicks.

Auf den zweiten Blick aber erzählen dieselben Objekte eine andere Geschichte: von Beziehungen, die den Menschen nie als isoliertes Wesen zeigen, sondern als Knotenpunkt vielfältiger Bezüge. So haben die Exponate im Präparatesaal der Sammlung zwar ein einzelnes Organ im Zentrum, dokumentieren bei genauerem Hinsehen aber mehr: beispielsweise Mensch-Tier-Beziehungen, wie im Fall eines Präparates, das den menschlichen Körper als Lebensraum eines Bandwurms, eines anderen Organismus zeigt. Rudolf Virchow wiederum hielt in seinen Präparaten, seinen Sektionsprotokollen und seinen Notizen auf dem Schreibtisch – einem zentralen Objekt der Dauerausstellung – präzise fest, was in der Umwelt des Menschen krank macht und wie sich diese gegenseitigen Bezüge bis in die Zelle hinein abzeichnen. Seine Zellularpathologie, die im Museum einen zentralen Platz einnimmt, fokussiert zwar auf die Zelle als kleinste Einheit – argumentiert damit aber zugleich, dass der Mensch nie unabhängig von seiner Umwelt und von einer Reihe relationaler Bezüge gedacht werden kann. Damit ist der Mensch in eine Vielzahl relationaler, d. h. sozialer, biotischer, visionärer – allerdings auch ideologischer und hierarchisierender Beziehungen eingebunden. Die Sammlung im Museum ist also von Anfang an ambivalenter, als es scheint. Genau an dieser Ambivalenz setzen die zwölf hier präsentierten künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten an.

Die Mitglieder der verantwortlichen Arbeitsgruppe der Jungen Akademie verstehen das Posthumane, Mehr-als-Menschliche und Nicht-Menschliche nicht als ein abstraktes Theoriefeld, sondern als eine Frage, die aus ganz unterschiedlichen Disziplinen heraus gleichermaßen relevant ist: aus der Humangenetik und den Neurowissenschaften, der Kunstgeschichte und Philosophie, der Robotik und Systembiologie, der Theologie, der Geschichtswissenschaft und den Künsten. Dabei wird das Posthumane nicht allein als Diagnose der Gegenwart verstanden, sondern auch als historische und ästhetische Figur – schon Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ (1818) reagierte auf eine durch den Vulkanausbruch des Tambora veränderte Welt und warf zugleich die Frage auf, ob der Mensch „Gott spielt“. Die Arbeitsgruppe untersucht das Posthumane, Mehr-als-Menschliche und Nicht-Menschliche deshalb in seiner zeitlichen Dichte – im Zusammenspiel historischer Perspektiven, gegenwärtiger Dringlichkeiten und zukünftiger Gedankenexperimente. Was die Mitglieder verbindet, ist die Überzeugung, dass sich viele der drängendsten Fragen der Gegenwart – von der Klimakrise über künstliche Intelligenz bis zu den Eingriffsmöglichkeiten der Gentechnik – nicht mehr beantworten lassen, wenn der Mensch ohne Berücksichtigung von Vielfalt und Lebenswelten weiterhin als alleiniger Maßstab von Welt und Wirklichkeit gilt.

Die zwölf Spekulationen dieser Ausstellung sind keine fertigen Antworten, sondern Versuchsanordnungen. Sie nehmen die Sammlungen, Räume und die Geschichte dieses Museums ernst, um ortsspezifisch und im Dialog mit ihnen zu fragen, was übrig bleibt, wenn man den Menschen nicht länger ins Zentrum stellt – und was an seine Stelle treten könnte: Tiere, Pflanzen, Maschinen, Mikroben, Daten, Dinge. Dass sich künstlerische und wissenschaftliche Perspektiven dabei nicht nur ergänzen, sondern immer wieder ineinander übergehen, ist für dabei kein Zufall, sondern Programm: Die Frage nach dem Posthumanen lässt sich nur disziplinenübergreifend stellen.

Künstler*innen und Wissenschaftler*innen

Sonja Bäumel + Eddie Bolger + Janina Krepart + Birgit Nemec + Jules Sturm, Stefanie Büchner, Maciej Chmara + Anna Rosinke, Radin Dardashti + Sarah Kim-Hellmuth, Benedikt Hartl (Opposite Office), Anne Hemkendreis + Hannimari Jokinen, Rona Kobel, Jakub Limanowski, Senem Gökçe Oğultekin + Levent Duran, Philipp Pilhofer, Philipp Rothemund und Lea Luka Sikau + Denisa Pubalova + Denis Polec + Amos Peled

Ideengeber*innen: Maciej Chmara, Radin Dardashti, Anne Hemkendreis, Sarah Kim-Hellmuth, Birgit Nemec
Kuration: Adrian Notz und Jenny Wolka
Design: Lukas Henneberger, Anna Rosinke und Michal Pecko
Szenographie: Lukas Henneberger und Maciej Chmara

Termine

  • 29.10.2026, 19:00 Uhr: Vernissage

    Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
    Charitéplatz 1
    10117 Berlin

  • 05.11.2026, 13:00 Uhr: Tandem-Führung
    Nathalie Stelmach (Berliner Medizinhistorischen Museum) und Künstler und Designer Maciej Chmara (Die Junge Akademie) führen gemeinsam durch die Ausstellung.

    Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
    Charitéplatz 1
    10117 Berlin

  • 07.11.2026, 17:00 Uhr: Tandem-Führung
    Nathalie Stelmach (Berliner Medizinhistorischen Museum) und Künstlerin Rona Kobel (Die Junge Akademie) führen gemeinsam durch die Ausstellung.

    Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
    Charitéplatz 1
    10117 Berlin

Unterstützung

Das Projekt wird mit freundlicher finanzieller Unterstützung der Schering Stiftung und der Bodo-von-Borries-Stiftung ermöglicht.

Sprecher*innen

beteiligte Mitglieder

beteiligte Alumni / Alumnae

Aktivitäten