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Zwei Kulturen der Wissenschaften

Die Arbeitsgruppe

Es gehört zu den Grundannahmen über Wissenschaft in der Moderne, dass sie in „zwei Kulturen“ zerfällt, die sich mehr oder weniger wortlos gegenüberstehen: die Geistes- und die Naturwissenschaften. Dabei ist diese Unterscheidung verhältnismäßig jung - sie datiert ins neunzehnte Jahrhundert - und erweist sich in der wissenschaftlichen Praxis als weit weniger selbstverständlich als es den Anschein hat.

 

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Die AG Zwei Kulturen widmet sich der Geschichte und Gegenwart der „zwei Kulturen“. Sie untersucht, welche Rolle die Unterscheidung für das Selbstverständnis der Akteure spielt, welche sozialen und fachstrategischen Funktionen sie erfüllt und in welchem Verhältnis sie zur wissenschaftlichen Praxis steht. Die AG trägt so auch zu einer differenzierten Sicht auf Interdisziplinarität bei. Angesichts der allseitigen Forderung nach interdisziplinärer Forschung erscheint eine Diskussion ihrer Grundlagen wünschenswerter denn je. Welche Hürden bringen verschiedene disziplinäre Konstellation mit sich? Ist es in der Regel aufwendiger, eine gemeinsame Sprache für die Zusammenarbeit zu finden, wenn Geistes- und Naturwissenschaftler*nnen beteiligt sind? Diese Fragen sollen hier kritisch reflektiert und in diversen Arbeitsformen diskutiert werden.

 

2019: Workshop „IAS – Chancen und Probleme aus nachwuchswissenschaftlicher Perspektive“

Am 11. und 12. November 2019 veranstaltete die AG „Zwei Kulturen der Wissenschaften“ am Historischen Kolleg in München einen Workshop zum Thema „Institutes of Advanced Study – Chancen und Probleme aus nachwuchswissenschaftlicher Perspektive“. Organisiert und geleitet wurde der Workshop von Fabian Krämer und Sebastian Matzner.

Mit dieser Veranstaltung kam die AG einer Einladung des Wissenschaftsrats nach, die spezifischen Bedürfnisse, Ideen und Bedenken von Nachwuchswissenschaftler*innen (early career researchers) in die gegenwärtige Diskussion der Kommission „Entwicklungsperspektiven von Forschungskollegs/Institutes for Advanced Studies in Deutschland“ einfließen zu lassen. Als Ergebnis des Workshops präsentierte Sebastian Matzner in der Kommission, der er als externer Sachverständiger angehört, einen Debattenbeitrag der AG, der in Kürze auf der Webseite der Jungen Akademie zugänglich sein wird.

Während auf dem Vorgänger-Workshop (siehe unten „Workshop Spaces of (Inter)Disciplinarity“) der AG am Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences in Amsterdam die Frage im Fokus stand, wie Institutes of Advanced Study (IAS) räumlich und organisatorisch konzipiert sein müssen, um gezielt interdisziplinären Austausch zu ermöglichen und zu befördern, nahm dieser zweite Workshop die Auswirkungen des Formats IAS bzw. University Based Institutes of Advanced Study (UBIAS) und Forschungskollegs (die hier sämtlich mit dem Begriff IAS zusammengefasst werden) auf Laufbahndynamiken von early career researchers (ECR) in den Blick. Ein Schwerpunkt lag auch auf der umgekehrten Fragestellung, inwieweit die berufliche Situation und die Lebensumstände von ECR die Annahme von Angeboten der IAS überhaupt ermöglichen.

Insbesondere diskutiert wurden folgende Fragen: Was sind die spezifischen (akademischen und nicht-akademischen) Bedürfnisse jüngerer Wissenschaftler*innen, und wie kann ihnen am besten Rechnung getragen werden? Sind Fellowships an IAS sinnvolle Instrumente der Nachwuchsförderung? Wie sollten Fellowships idealerweise gestaltet sein und sich zur weiteren Struktur und Ausrichtung eines IAS verhalten? Welche (auch problematischen) Konsequenzen hat das System der IAS für das weitere akademische Ökosystem?

Auch wenn außer Frage steht, dass Aufenthalte an IAS für ECR in aller Regel sehr hilfreich sind, wurde die gegenwärtige Situation des wissenschaftlichen Systems allgemein kritisch beurteilt. IAS werden häufig von ECR primär zur Kompensation von akutem Zeitmangel für die eigene Forschung genutzt, was sich u.a. auf die zunehmenden administrativen Anforderungen an wissenschaftliche Mitarbeiter*innen an Universitäten zurückführen lässt. Auf der anderen Seite kann diese Nutzung von IAS-Fellowships zu problematischen Rückkopplungen im universitären Betrieb führen. Dazu gehören unter anderem die weitere Verlagerung der Lehre auf befristet Beschäftigte und die Gefahr einer Zwei-Klassen-Wissenschaft zwischen IAS-Fellows und „Zurückgebliebenen“. Hierbei wurden die akademischen wie familiären und soziokulturellen Hürden für ECR hervorgehoben, die einigen die Bewerbung an IAS trotz exzellenter Leistungen unmöglich machen können.

Trotz dieser Problematiken bot der Workshop eine positive Bestimmung des Potentials von IAS. Wenn IAS ein Bewusstsein für ihre Position im wissenschaftlichen Betrieb entwickeln, wie es in vielen Fällen bereits erfolgt ist, können sie eine verantwortungsvolle Rolle nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch für die gesellschaftliche Einbindung der Wissenschaft spielen. Dazu erarbeiteten die Workshopteilnehmer*innen abschließend mehrere konkrete Lösungsvorschläge zur Stärkung der IAS, von Kriterien zur Auswahl von wissenschaftlichen wie nicht-wissenschaftlichen Fellows bis hin zur Wahrung der bestehenden Vielfalt von IAS und Ausbau des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

2019: Workshop „Spaces of (Inter-)Disciplinarity“

Am 4. und 5. Juli 2019 veranstaltete die AG „Zwei Kulturen der Wissenschaften“ am NIAS Amsterdam einen Workshop zum Thema „Spaces of (Inter-)Disciplinarity“. Organisiert und geleitet wurde der Workshop von Fabian Krämer und Sebastian Matzner.

Foto: UNStudio/ DPA | Singapore University of Technology and Design (SUTD), Singapore, 2010 – 2015
Architect: Ben van Berkel / UNStudio

Der derzeit allgegenwärtige Ruf nachinterdisziplinärer Forschung führt zu der Frage, wie ein Forschungsinstitut in Bezug auf Architektur, Raum und Infrastruktur aussehen muss, um diese Art der Forschung zu ermöglichen. Der Workshop „Spaces of (Inter-)Disciplinarity in the Humanities and Sciences“ am 4. und 5. Juli 2019 in Amsterdam befasste sich mit dieser Frage sowohl aus einer historischen als auch aus einer analytischen Perspektive. Im ersten Panel ging es um die Geschichte der akademischen Architektur: Seit wann wird erwartet, dass Universitäten klar definierte architektonische Räume sind? Welche Bemühungen um eine disziplinenübergreifende Zusammenarbeit in den Geistes- und Naturwissenschaften lassen sich in der  Wissenschaftsgeschichte erkennen? Im zweiten Panel wurde analysiert, welche Anforderungen an interdisziplinäre Forschung gestellt werden und wie zeitgenössische Architekten versucht haben, dies zu ermöglichen. Im dritten Panel wurde schließlich der Inbegriff eines Forschungsinstituts behandelt, das speziell für die interdisziplinäre Forschung vorgesehen ist: das Institute for Advanced Study. Ziel war es, die Ergebnisse der ersten beiden Abschnitte in die Frage einzubringen, wie ein ideales Institut für fortgeschrittene Studien aussehen würde.

Die Ergebnisse des Workshops sollen als Basis für einen Beitrag dienen, den Mitglieder der Jungen Akademie zur aktuellen Diskussion über die Zukunft der „Institutes for Advanced Study“ in Deutschland im  Wissenschaftsrat einbringen werden.

Abschlussbericht

2018: Vortrag und Diskussion mit Peter Burke

Auf Einladung der AG „Zwei Kulturen der Wissenschaft“ hielt der Kulturhistoriker Peter Burke am 12. Oktober 2018 im ICI Berlin einen Vortrag zur Figur des Universalgehlehrten. Anschließend fand eine Diskussion statt.

Im Vortrag „A cultural history of polymaths from the Renaissance to the present (from Leonardo to Umberto Eco)“ beleuchtete der Kulturhistoriker Peter Burke die Figur des Universalgelehrten und dessen Überleben. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich an den Universitäten mehr und mehr Fachbereiche mit ihrer jeweiligen Spezialisierung heraus. Dies bedeutete aber mitnichten das Ende des Universalgelehrten. Ganz im Gegenteil – wie Peter Burke zeigte. Der Polymath, oder Universalgelehrte, stellt einen Gegenentwurf zur Spezialisierung der Wissenschaften dar.

Peter Burke ist Professor Emeritus für Cultural History an der University of Cambridge und Fellow am Emmanuel College. Er gilt als einer der bedeutendsten Kulturhistoriker weltweit. Er veröffentlichte mehr als 20 Bücher und rund 200 Artikel, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden. Außerdem hat er ebenso bahnbrechende wie grundlegende Werke zur italienischen und europäischen Renaissance und zur Inszenierung des Sonnenkönigs Louis XIV vorgelegt. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich ausführlich mit Fragen der Mediengeschichte und Wissenssoziologie.

Die Veranstaltung wurde von der Jungen Akademie gemeinsam mit dem ICI Berlin und dem Wagenbach Verlag organisiert.

Abschlussbericht

Für alle Fotos gilt folgender Bildnachweis: Die Junge Akademie/Peter Himsel

2018: Workshop „Die zwei Kulturen in der Forschungspraxis“

Welche Auswirkungen hat die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften auf die Forschungspraxis der Einzelwissenschaften? Wie lässt sich von einer „Krise der Geisteswissenschaften“ vor dem Hintergrund dieser Dichotomie sprechen? Wie können Wissenschaftler beider „Kulturen“ ihre Ergebnisse am besten an die jeweils anderen vermitteln? Zu diesen Fragen traf sich die AG „Zwei Kulturen der Wissenschaften“ am 15. Juni 2018 an der Universität Frankfurt auf Einladung von Eva Buddeberg und dem Cluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ zu einem explorativen Workshop.

Fotos: Wikimedia Commons (Bertrand Russel; Friedrich Wilhelm Nietzsche)

Die Trennung zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften verläuft nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen innerhalb der Einzelwissenschaften. In der Philosophie spiegelt laut Eva Buddeberg die Teilung in „kontinentale“ und „analytische“ Philosophie inhaltlich wie institutionell bis heute einen ähnlichen Gegensatz. Die Sexualwissenschaft habe sich um 1900 gar erst mit Hilfe unterschiedlicher Wissenskulturen formieren können, wie der Vortrag von Sebastian Matzner zeigte. Die frühen Texte zur Homosexualität kombinierten sowohl naturwissenschaftliche als auch philologische und andere Wissensformen.

Welche Rolle spielt die Trennung in zwei Kulturen für die „Krise der Geisteswissenschaften“? Die Spaltung innerhalb der Philosophie seit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert ist nach Eva Buddeberg anhand des Bedeutungsverlustes der Philosophie im gleichen Zeitraum zu verstehen, der eine verstärkte Selbstreflexion in der Philosophie erforderte. Auf ähnliche Weise könnte erklärt werden, warum die aktuelle Reflexion über die Trennung der Natur- und Geisteswissenschaften gerade in den „kriselnden“ Geisteswissenschaften besonders ausgeprägt ist. Aber stecken wirklich alle Geisteswissenschaften in der Krise? Betrachtet man die einzelnen geisteswissenschaftlichen Fächer genauer, ergibt sich kein einheitliches Krisenbild. Stattdessen scheint eine Dichotomie zwischen anwendungsbezogener und (scheinbar) anwendungsferner Forschung fruchtbarer, um das Legitimationsproblem für bestimmte Geisteswissenschaften zu erklären. Ein analoges Bild ergibt sich auf Seiten der Naturwissenschaften. Unter ihnen haben es die theoretischen, nicht praxisbezogenen Fächer häufig schwerer, wie Albrecht Koschorke in seinem vorab zirkulierten Text „Über die angebliche Krise der Geisteswissenschaften“ (Aus Politik und Zeitgeschichte 46/2007, S. 21-25) zeigte.

Die Trennung erstreckt sich in letzter Instanz auf das Problem der effizienten Vermittlung von Erkenntnissen innerhalb der Wissenschaft: Wie können Wissenschaftler ihre für andere relevanten Ergebnisse am erfolgreichsten weitergeben? Welche Hürden inhaltlicher, methodischer und institutioneller Art sind dabei tatsächlich auf die Spaltung in Natur- und Geisteswissenschaften zurückzuführen? Mit diesen und benachbarten Fragen wird sich die AG „Zwei Kulturen der Wissenschaften“ noch eingehender beschäftigen.

2016: Workshop „Grenzphänomene zwischen Natur- und Geisteswissenschaften“

Worin besteht der „kulturelle“ Gegensatz zwischen Natur- und Geisteswissenschaften? Welche Wechselwirkungen existieren zwischen den zwei Kulturen? Sind „Grenzüberschreitungen“ an der Schnittstelle von Natur- und Geisteswissenschaften möglich? Zu diesen und ähnlichen Fragen traf sich die AG „Zwei Kulturen der Wissenschaften“ am 18. September 2016 im Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin auf dessen Einladung zu einem explorativen Workshop.

Bild: studiostoks, Shutterstock 590311676
Bild: studiostoks, Shutterstock 590311676

Bild: studiostoks, Shutterstock 590311676

Die Trennung der Wissenschaften in zwei „Kulturen“, wie sie von C.P. Snow (1959) formuliert wurde, sollte eine sachlich-methodische Dichotomie zwischen den „Natur- und Geisteswissenschaften“ beschreiben. Das einvernehmliche Ergebnis des Workshops war es dagegen, dass die Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften häufig nicht primär bzw. nicht ausschließlich inhaltlich bedingt, sondern vielmehr institutionell begründet ist. So ließe sich die Rivalität von Literaturwissenschaftlern und Linguisten am gleichen Department, aber auch die gute Zusammenarbeit zwischen Althistorikern und Antike-Forschern anderer Departments erklären, von denen Kai Wiegandt und Christoph Lundgreen in ihren Vorträgen zu berichten wussten. Mit Blick auf die Entstehung des Gegensatzes zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert (Fabian Krämer) ergab sich ein ähnliches Bild: Ihre institutionelle Trennung an den Universitäten und Akademien Europas ging der philosophischen Reflexion dieses Gegensatzes voraus.

Neben der (Neu-)Interpretation der „zwei Kulturen“ förderte der Workshop neue Hinsichten auf Wechselwirkungen zwischen den „Kulturen“ zu Tage. Ein relevantes Thema bleibt die Anziehungskraft von (vermeintlich) objektiven Methoden aus den Naturwissenschaften auf andere Wissenschaften (wie etwa die Literatur), da sie diesen die Reputation von wissenschaftlicher Strenge zu verleihen versprechen. Auf der anderen Seite lassen sich wissenschaftliche Bereiche wie die Ästhetik jenseits der Grenzziehung der zwei Kulturen ansiedeln. Als wissenschaftliches Kriterium steht die Ästhetik zwischen den zwei Kulturen, wie das Beispiel der Mathematik zeigt. Versuche einer transdisziplinären ästhetischen Forschung wurden bereits um 1900 anvisiert.

Zusätzlich wurden zentrale Themen für zukünftige Workshops der AG besprochen. In Zukunft noch beschäftigen werden uns das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft sowie die Frage, unter welchen Bedingungen interdisziplinäre Zusammenarbeit fruchtbar ist, und unter welchen nicht.

Programm

 
 
 
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