Lassen Sie uns reden

Interaktive Audiotour mit 5 Stationen, die ethische Fragen zu Norm, Krankheit, Selektion und Gen-Editing mit einer medizinischen und philosophischen Perspektive verhandelt. (Radin Dardashti + Sarah Kim-Hellmuth)

Metallmolekülmodell, bestehend aus miteinander verbundenen grauen, sechseckigen Metallplatten und weißen, gebogenen Segmenten, die durch dünne Metallstangen und verstellbare Klemmen zusammengehalten werden und in einer dreidimensionalen Anordnung vor einem dunklen Hintergrund schweben.
Lukas Henneberger, DNA Helix in DNS-Modell von Watson und Crick (Nachbau 2007), Foto: Kuba Dabrowski, 2026

Stellen Sie sich vor, Sie könnten beim Vornamen Ihres Kindes etwas mitentscheiden, das seine Chancen im Leben verbessert. Würden Sie es tun? Dass solche Faktoren einen messbaren Einfluss haben können, ist gut belegt: Der Name kann beeinflussen, ob jemand zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird, und auch das Aussehen kann Auswirkungen auf den späteren beruflichen und finanziellen Erfolg haben. Die Wahl eines Namens gehört für die meisten Menschen ganz selbstverständlich zu den Entscheidungen rund um die Geburt eines Kindes. Doch was, wenn es nicht um den Namen ginge, sondern um die Augenfarbe? Um die Veranlagung zu einer Krankheit? Um Intelligenz?

Bei solchen Fragen meldet sich oft und rasch eine moralische Intuition, mal als klares Ja oder Nein, häufig als ein Abwägen dazwischen. Doch welche Gründe liegen ihr zugrunde, und was würde aus ihr folgen – für die Einzelnen wie für die Gesellschaft? Hinter dem Thema steckt eine medizinische und ethische Komplexität, die sich erst beim genaueren Hinsehen erschließt. Lassen Sie uns reden möchte keineswegs überzeugen oder darüber belehren, was richtig ist. Vielmehr lädt es dazu ein, ins Nachdenken zu kommen und in den Dialog zu treten.

Das menschliche Genom wurde Anfang der 2000er-Jahre erstmals entschlüsselt. Seitdem ist es möglich, genetische Veränderungen zu erfassen, besser zu verstehen und gezielt zu korrigieren. Schon zu Beginn einer Schwangerschaft kann ein einfacher Bluttest zeigen, wie groß das Risiko für eine Chromosomenstörung beim ungeborenen Kind ist. Bei einer künstlichen Befruchtung können unter strengen Auflagen Embryonen vor dem Einsetzen auf bestimmte Erbkrankheiten untersucht werden. Und die Gentherapie eröffnet mittlerweile die Chance, manche Erbkrankheiten ursächlich zu behandeln. Stark umstritten ist jedoch, ob genetische Veränderungen bereits im Embryo vorgenommen werden dürfen. Denn hierbei handelt es sich um einen Eingriff in die Keimbahn, also in die Ei- bzw. Samenzellen. Eine solche genetische Veränderung würde an alle Nachkommen weitervererbt werden; die Sicherheit und ethische Tragweite eines solchen Eingriffs sind aktuell Gegenstand intensiv geführter Debatten.

Besonders beim ungeborenen Kind, aber auch bei Erwachsenen kann die genetische Information helfen, Krankheitsrisiken besser einzuschätzen. So können z. B. Polygenic Risk Scores (PRS) viele genetische Varianten berücksichtigen und daraus eine statistische Einschätzung der genetischen Prädisposition für bestimmte Erkrankungen gewinnen – etwa für einen Herzinfarkt oder bestimmte Krebsarten. Sie stellen jedoch keine sichere Vorhersage dar, da auch genetische, biologische, umweltbedingte und lebensstilbezogene Faktoren das tatsächliche Erkrankungsrisiko beeinflussen. Eine solche Einschätzung kann jedoch dabei helfen, erhöhte Risiken frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls präventive Maßnahmen zu ergreifen.

Je mehr sich genetisch erkennen und bestimmen lässt, desto dringlicher wird die Frage, ob aus dem Können ein Sollen wird und ob Eltern, sollte die Forschung je so weit sein, zwischen möglichen Kindern wählen dürften oder sollten. Hier setzen die Positionen einiger Moralphilosoph*innen an, die im Folgenden vorgestellt werden.

Eine besonders weitreichende Position vertritt Julian Savulescu. Schon für die begrenzte Wahl, die heute zwischen Embryonen möglich ist, formuliert er ein klares Prinzip: Eltern, die zwischen möglichen Kindern wählen können, sollten jenes wählen, das voraussichtlich das beste Leben haben wird. Er nennt das „procreative beneficence“. Auf den ersten Blick klingt das plausibel – wer wünscht seinem Kind nicht das Beste? Doch wenn aus dem Wunsch eine Pflicht würde, das „beste“ Kind zu wählen, würde Fortpflanzung zur Optimierungsaufgabe. Robert Sparrow wendet ein: In jeder Gesellschaft gibt es Eigenschaften, die bessere Chancen versprechen. Konsequent angewandt, bliebe am Ende oft nur eine „moralisch richtige“ Wahl, und Eltern wären gehalten, gesellschaftliche Vorlieben und Vorurteile fortzuschreiben.

Dem stehen skeptischere Stimmen gegenüber. Wenn alles zur Wahl wird, so Michael Sandel, geht etwas verloren – die Bereitschaft, ein Kind anzunehmen, wie es ist. Jürgen Habermas fragt, ob ein Mensch noch frei über sich verfügen kann, wenn andere sein Wesen vorab festgelegt haben.
Allen Buchanan und seine Kollegen halten ein pauschales Verbot dagegen für zu einfach: Zwischen der Heilung schwerer Krankheit und der Auswahl von Wunschmerkmalen liegen viele Abstufungen. Die größte Gefahr sehen sie weniger in der Technik selbst als in der ungleichen Verteilung ihres Nutzens, die bestehende Ungleichheiten, auch weltweit, noch vergrößern könnte.

Zwei Stimmen sprechen schließlich aus der Nähe zu einem Leben mit Behinderung. Adrienne Asch, selbst blind, gibt zu bedenken: Wer gezielt gegen eine Behinderung auswählt, sende – ob gewollt oder nicht – die Botschaft, ein solches Leben sei weniger wert; zudem werde ein einzelnes Merkmal mit dem ganzen Menschen verwechselt. Eva Feder Kittay, Philosophin und Mutter einer schwer behinderten Tochter, setzt anders an: Was einen Menschen zur Person macht und seinen Wert als Person bestimmt, sind nicht seine Fähigkeiten, sondern seine Beziehungen – jeder ist, wie Kittay sagt, „some mother's child“, jemandes Kind. Damit trifft sie die Auswahldebatte an der Wurzel: Schon die Frage, welches Kind das „beste“ Leben hätte, unterstellt, dass sich die Bedeutung eines Lebens vorab an Eigenschaften ablesen lässt. Genau das bestreitet sie.
Wer über die Auswahl „besserer“ Menschen spricht, begegnet unausweichlich einem Wort: Eugenik. In der Dauerausstellung des Museums führt ein Abschnitt der Sammlung auch durch die Zeit des Nationalsozialismus, in der im Namen vermeintlicher „Erbgesundheit“ Menschen verfolgt und ermordet wurden. Die vorangegangenen Diskussionen unterscheiden sich grundlegend von den Verbrechen der NS-Zeit – es geht um individuelle Entscheidungen, nicht um staatlichen Zwang. Sie werfen jedoch verwandte Fragen auf: nach den Maßstäben für ein „gutes“ Leben, nach dem Verhältnis von persönlicher Freiheit und gesellschaftlichem Erwartungsdruck. Offene Fragen, die uns alle betreffen. Sie können sie hier still für sich beantworten. Aber an den Vitrinen dieses Saals können Sie per QR-Code in einen Dialog einsteigen: ein interaktives Gespräch, das Sie tiefer ins Thema führt. Nicht, damit Sie Ihre Meinung ändern – sondern damit Sie klarer sehen, worauf Ihre Meinung beruht und welche möglicherweise unbeachteten Fragen das Thema aufwirft.

Text von Radin Dardashti und Sarah Kim-Hellmuth
Radin Dardashti ist Wissenschaftsphilosoph und Sarah Kim-Hellmuth ist Humangenetikerin
In Zusammenarbeit mit Philosophin Tabea Gandelheidt

Werke in der Ausstellung

04.1 Station 1: Vermessung des Menschen, 2026
04.2 Station 2: Vererbung und Verpflichtung, 2026
04.3 Station 3: Normalität, Gesundheit, Krankheit, 2026
04.4 Station 4: Vor der Geburt, 2026
04.5 Station 5: Wer entscheidet in der Zukunft?, 2026

Ein Mann mit runder Brille und einem weißen Hemd sitzt mit verschränkten Armen an einem Tisch. Hinter ihm steht ein Bücherregal, das mit verschiedenen Büchern gefüllt ist.
Foto: N. Modaresi

Radin Dardashti

Radin Dardashti ist Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wann und warum wir wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Systemen vertrauen können. In der Wissenschaft untersucht er, wie wissenschaftliches Wissen entsteht, begründet und bewertet wird, insbesondere in der Grundlagenphysik, und wie der methodische Pluralismus mit dem Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse vereinbar ist. Dieselbe Perspektive überträgt er auch auf die Ethik künstlicher Intelligenz, wo er fragt, welche Werte in die Entwicklung und Bewertung von KI-Systemen einfließen.

Eine Nahaufnahme einer jungen Frau, die in einem Innenraum zwischen vertikalen weißen Betonsäulen steht. Sie hat glattes, schulterlanges schwarzes Haar, trägt ein kurzärmeliges blaues Spitzenoberteil über einem blauen Unterhemd und lächelt in die Kamera.
Foto: Peter Himsel

Sarah Kim-Hellmuth

Sarah Kim-Hellmuth ist Professorin für Funktionelle Immungenomik am LMU-Klinikum sowie am Institut für Translationale Genomik, Helmholtz Munich. Sie erforscht, wie Gene, Umwelt und molekulare Prozesse zusammenwirken und biologische Funktionen beeinflussen. Mit Methoden der Genomforschung und Datenwissenschaft untersucht sie, wie diese Wechselwirkungen die Regulation von Genen, die Funktion des Immunsystems und die Entstehung von Krankheiten prägen. So wird der menschliche Körper als Teil eines dynamischen biologischen Gefüges sichtbar, in dem Gene, Umwelt und molekulare Prozesse untrennbar miteinander verbunden sind.

Tabea Gandelheidt

Tabea Gandelheidt studiert Humanmedizin und Philosophie an der Universität zu Köln und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In Mainz ist sie zudem studentische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wissenschaftsphilosophie von Professor Radin Dardashti. Ihre Interessen liegen überall dort, wo Medizin und Philosophie aufeinandertreffen und sich gegenseitig Fragen stellen: Wann handelt eine Ärztin ethisch? Wie gewinnen wir unser Wissen über Krankheiten und was ist medizinischer Fortschritt? Und was bedeuten „Krankheit” und „Gesundheit” eigentlich?

Literatur

  • Asch, A. (1999): Prenatal Diagnosis and Selective Abortion: A Challenge to Practice and Policy. American Journal of Public Health, 89(11), 1649–1657.

  • Benzeval, M., Green, M. J. und Macintyre, S. (2013): Does Perceived Physical Attractiveness in Adolescence Predict Better Socioeconomic Position in Adulthood? PLOS ONE, 8(5), e63975.

  • Buchanan, A. (2011): Beyond Humanity? The Ethics of Biomedical Enhancement. Oxford University Press.

  • Habermas, J. (2001): Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Suhrkamp.

  • International Human Genome Sequencing Consortium (2001): Initial Sequencing and Analysis of the Human Genome. Nature, 409, 860–921.

  • Khera, A. V. et al. (2018): Genome-Wide Polygenic Scores for Common Diseases Identify Individuals with Risk Equivalent to Monogenic Mutations. Nature Genetics, 50, 1219–1224.

  • Kittay, E. F. (2019): Learning from My Daughter: The Value and Care of Disabled Minds. Oxford University Press.

  • Mendell, J. R. et al. (2017): Single-Dose Gene-Replacement Therapy for Spinal Muscular Atrophy. New England Journal of Medicine, 377(18), 1713–1722.

  • Sandel, M. J. (2007): The Case Against Perfection: Ethics in the Age of Genetic Engineering. Harvard University Press.

  • Savulescu, J. (2001): Procreative Beneficence: Why We Should Select the Best Children. Bioethics, 15(5–6), 413–426.

  • Sparrow, R. (2011): A Not-So-New Eugenics: Harris and Savulescu on Human Enhancement. Hastings Center Report, 41(1), 32–42.