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Zwischen Untergang und Aufbruch
Fünf Porzellanobjekte zu dystopischen Zukunftsbildern und der Fragilität des Menschlichen (Rona Kobel)

Die im Museum versammelten Porzellanobjekte bilden das imaginäre Rüstzeug für eine Menschheit am Scheideweg. Was auf den ersten Blick vertraut erscheint – Cap, Kette, Handschuh, VR-Brille – wird zum Ausgangspunkt existenzieller Fragen nach menschlichen Werten und zukünftigen Lebensformen. Das Material Porzellan steht dabei nicht zufällig im Zentrum. Kostbar und zerbrechlich zugleich, verkörpert es kulturelle Feinheit und die Fragilität des Daseins.
Die helle Porzellan-Cap im Schaufenster des Museums trägt den bunt verspielten Schriftzug „Fuck Humanity“, ein Ausruf, in dem sich Zynismus und Verzweiflung mischen. Die aufgemalte Taschenuhr ist bei 14:27 Uhr stehen geblieben – einem Moment am Nachmittag, in dem die Konzentration nachlässt und der Mensch an seine elementaren biologischen Grenzen stößt. Sie wirkt wie ein Relikt aus vergangener Zeit und deutet zugleich an, dass die Zeit der Menschheit bereits abgelaufen sein könnte.
Die zweite, dunkel gehaltene Cap in der Schädelvitrine im Präparatesaal trägt den Schriftzug „Mankind Sucks“. Um ihn herum gruppieren sich goldene Knochen und ein goldener Torso – Überreste des menschlichen Körpers, einem memento mori gleich: eine Erinnerung an die Sterblichkeit hinter allen Ambitionen. Beide Arbeiten hinterfragen, welchen Stellenwert Menschlichkeit, Mitgefühl und Verantwortung haben – und wie selbstverständlich diese Werte für uns sind.
Die überdimensionierte Halskette im Schaukasten Spekulative Theorien – universelles System erinnert an die schweren Goldketten aus Rap- und Hip-Hop-Videos der 1990er – einstige Zeichen von Reichtum, Macht und unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Doch dort, wo sonst Dollarzeichen und Diamanten prangen, trägt diese Kette einen anderen Schriftzug: „Endless Suffering“, dessen Buchstaben golden bemalt sind. Der Titel entstand aus einer Reihe von Gesprächen mit KI über die Zukunft der menschlichen Spezies. Das einstige Statussymbol wird so spöttisch in sein Gegenteil verkehrt: Statt Triumph verkündet die Kette Leid ohne Ausweg.
In der Optik-Vitrine findet sich die VR-Brille Passenger. Sie wird nicht mehr getragen, sondern ist bereits mit dem Körper verwachsen: Muskelstränge umwuchern ihr Gehäuse und deuten eine neuronale Direktverbindung zum Gehirn an. Statt einer Schnittstelle bilden die VR-Brille und der Körper eine organische Symbiose. Hinter dem verspiegelten Visier liegt eine virtuelle Schlafwelt, ein digitaler Rückzugsort. Symbolisiert wird er durch die japanischen Schriftzeichen für Schlaf, in Anlehnung an eine Kultur, in der solche VR-Welten eine besondere Verbreitung gefunden haben. Dass Menschen zunehmend in virtuelle Realitäten flüchten, um dort Entspannung oder Schlaf zu finden, markiert für die Künstlerin den dystopischen Kern heutiger Entwicklungen: Die reale Welt bietet offenbar nicht mehr genügend Zuflucht. Der Körper wird zur Nebensache, das Bewusstsein zum Passagier einer selbstgewählten Illusion.
Die silbern glänzenden Space-Handschuhe der Arbeit oxygen water love (angel) in der Schauvitrine der Haut verbinden die Handlesekunst als uralte Form der Zukunftsdeutung mit einer technologisierten Welt von morgen. Auf dem linken Handschuh erscheint die Herzlinie als nahezu entladene Batterie mit gebrochenem Herzen, die Kopflinie wird zum Sauerstoffschlauch, ein kleiner Flügel am Daumen verweist auf eine Schutzengellinie, und eine Wasseranzeige am Handgelenk ist nur noch zu einem Drittel gefüllt. Statt Liebe, Leben und Schicksal spirituell zu deuten, werden sie als messbare und begrenzte Ressourcen dargestellt. Der rechte Handschuh richtet den Blick nach außen: Entlang seiner Linien verlaufen Umlaufbahnen realer und fiktiver bewohnbarer Welten: Mars, Proxima Centauri b, Coruscant aus Star Wars. Die Planeten erscheinen als mögliche Fluchtziele und werfen die Frage auf, ob die Menschheit neue Welten sucht, weil sie ihre eigene nicht mehr bewahren kann.
Gemeinsam entwerfen die Objekte das Bild einer Menschheit, die ihre biologischen Grenzen zunehmend überschreitet, ohne ihre grundlegenden Konflikte hinter sich zu lassen. Fortschritt, künstliche Intelligenz, virtuelle Welten und die Suche nach neuen Lebensräumen erscheinen nicht als Lösungen, sondern als Ausdruck einer wachsenden Entfremdung. Am Ende steht die Frage: Was bleibt vom Menschen, wenn die Technik ihn immer weiter verändert – und ist das, was dann bleibt, noch menschlich?
Text von Rona Kobel
Rona Kobel ist Bildhauerin und Künstlerin.
Werke in der Ausstellung
02.1 Fuck Humanity, 2026
02.2 Endless Suffering, 2026
02.3 Passenger, 2026
02.4 Mankind Sucks, 2026
02.5 oxygen water love (angel), 2026
Gefördert durch die KPM Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin.

Rona Kobel
Rona Kobel ist Bildhauerin und Künstlerin. In ihrer Arbeit untersucht sie die politischen und gesellschaftlichen Bruchlinien der Gegenwart sowie deren Einschreibung in Material, Bild und Objekt. Ausgangspunkt ihrer Praxis ist Porzellan, das sie aus seiner dekorativen Tradition herauslöst und mit historischen, medialen und politischen Bedeutungen auflädt. In installativen Objektkonstellationen treffen Schönheit und Schrecken, Opulenz und Zerfall aufeinander und machen die Fragilität demokratischer Ordnungen, globale Machtverhältnisse und dystopische Zukunftsszenarien sichtbar. Durch die Verbindung traditioneller Handwerkskunst mit 3D-Druck, digitalen Verfahren und KI entstehen Werke an der Schnittstelle von Erinnerung und Technologie, die neue Perspektiven auf Geschichte, Materialität und gesellschaftliche Verantwortung eröffnen. Profilseite Rona Kobel