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Die Herzbestattung und die Frage: „Was bleibt?“
Zwei 3D-Drucke von Herzbechern zur Frage „Was bleibt?“: die Reproduktion eines Reliquiars aus dem 5./6. Jahrhundert und die „Preproduktion“ eines zukünftigen Datenträgers. (Philipp Pilhofer)

Menschen unterschiedlicher Kulturen und Zeitalter haben darauf verschiedene Antworten gegeben. Aber ein Organ rangierte in der menschlichen Wertschätzung oft weit oben: das Herz. Im Mittelalter galt das Herz als Sitz der Seele, des Lebens und der Persönlichkeit eines Menschen, dabei konnte man sich schon auf die Lehren des Aristoteles berufen. Diese Sicht auf das Herz konnte so weit führen, dass vor allem in Westeuropa das Herz dem Leichnam entnommen und einzeln aufbewahrt und bestattet wurde: Das Herz als das, was vom Menschen blieb. In ein kleines Bleidöschen, den „Herzbecher“, verpackt und beispielsweise in eine Urne gestellt, konnte es lange Zeit überdauern. Zugleich zeigte sich so das anatomische Wissen und die chirurgischen Fähigkeiten damaliger Experten. Diese Zerlegung war keine Tätigkeit im Halbschatten von Hinterhöfen, sondern wurde in den gängigen Medien der Zeit vorgezeigt, wie zum Beispiel in einem Kirchenfenster des Freiburger Münsters aus dem 13. Jahrhundert. Man schämte sich auch nicht, die Statuen der Toten auf ihren Gräbern mit sichtbaren Narben der „Herz-OP“ auszustatten.
Ein prominentes Beispiel für die Herzbestattung ist Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1122–1190), der nach seinem Tod in den kalten Strömen des heutigen Göksu bei Silifke in der Südtürkei zunächst mit Essig konserviert werden sollte, um den Leichnam weiterzutransportieren. Nachdem dies fehlschlug, wurde sein Leichnam gekocht, zerlegt und an mehreren Orten bestattet, nämlich in Antakya, in Tyros und in Tarsos – hierhin wurde auch das Herz verbracht.
Weltweit sind insgesamt etwa 2000 Herzbestattungen bekannt. Es war also ein kleiner elitärer Zirkel, der sich solches leistete und auf diese Weise gelegentlich versuchte, die Zeiten zu überdauern. Dazu gehörten vor allem Herrscherhäuser und Adelige. Das Herz des englischen Königs Richard Löwenherz (1157–1199) konnte daher über 800 Jahre nach seinem Tod noch wissenschaftlich untersucht werden. Oftmals entwickelten sich Traditionen der getrennten Bestattung verschiedener Körperteile an verschiedenen Orten, vor allem bei Herrscherhäusern wie den bayerischen Wittelsbachern und den österreichisch-spanischen Habsburgern. Aber auch geistliche Würdenträger ließen ihre Herzen separat bestatten. So liegt das Herz des Fürstbischofs Julius Echter, der die Universität Würzburg gründete, noch heute im entsprechenden Monument in der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten Neubaukirche. In einigen Fällen wurde der Herzmuskel derartig gut konserviert, dass er auch Jahrhunderte später erhalten blieb. Mehr noch: Er wurde zugleich auf eine Art und Weise gelagert, dass er noch heute zu betrachten ist. Ein Beispiel ist das Herz von Karl August von Hardenberg, das seit seinem Tod 1822 im Altar der Schinkel-Kirche in Neuhardenberg, unweit der Oder, aufbewahrt wird.
Heute erscheint die separate Herzbestattung kurios. Spätestens seit 1967 in Kapstadt die erste Herztransplantation gelungen ist, dürfte klar geworden sein, dass ein Mensch weitgehend derselbe bleibt, auch wenn er den Herzmuskel eines anderen erhalten hat. Mittlerweile ist bekannt, dass sich der menschliche Körper auf atomarer und zellulärer Ebene fortwährend erneuert – selbst im Skelett findet ein kontinuierlicher Austausch statt. Ein neuer Mensch? Wohl eher ist der Mensch eine Art Atomwolke, die ihre ungefähre Form bewahrt, während sich ihre atomare Zusammensetzung fortwährend verändert.
Damit scheidet das Herz allerdings als „das, was bleibt“ aus. Auch für die übrigen Organe dürfte es keine guten Aussichten geben, selbst das Einfrieren des Gehirns lohnt sich in dieser Hinsicht absehbar nicht. Das eigentliche Problem ist damit nach wie vor ungelöst und wird heute besonders prominent von Vertreter*innen des Trans- und Posthumanismus debattiert.
Doch bleiben wir bei der historischen Sicht. Ein weiterer Aspekt der Frage „Was bleibt?“ ist der Reliquienkult, frei übersetzt der „Kult um Übrigbleibsel“. Beispielsweise sind im Christentum seit der ausgehenden Antike verschiedene Körperteile von wichtigen „heiligen“ Personen eben als Reliquien aufbewahrt worden – auch deren Herzen. Schnell verband sich mit ihnen der Glaube an wundersame Wirkweisen, die gewissermaßen die Echtheit der Reliquien bestätigen konnten.
Die Erforschung des historischen Reliquienkultes wirft ein Schlaglicht auf die intensive Religiosität gerade der sonst oft übersehenen einfachen Bevölkerung abseits komplexer theologischer Entwürfe. Es lassen sich die Zeichen der jeweiligen Zeit daraus genauso ablesen wie die Machtverhältnisse. Denn der Zugang zu den Reliquien wurde architektonisch oder über soziale Vorgaben mehr oder minder subtil kanalisiert und reglementiert. Die Ausbreitung und die bauliche Umsetzung spezieller Reliquienkulte waren eine religiöse, aber selbstverständlich ebenso eine politische Frage. Besonders interessant und vielsagend ist die Untersuchung der Berührungspraktiken: Durfte man die Reliquien nur aus der Ferne ansehen, durfte man sie berühren oder gar, wie der spätantike Pilger von Piacenza berichtet, aus dem Schädel einer Heiligen trinken?
Auch diese Praktiken und der damit zusammenhängende Glaube mögen heute weit weg wirken. Aber in gewandelter Form sind in verschiedenen Fankulturen ähnliche Phänomene zu beobachten. Die klassische Autogrammjagd ist da nur der Anfang. Die Echtheit kann sich der Zweifler ganz ohne Wundertätigkeit heute durch sogenannte Non-Fungible Token, kurz NFT, verifizieren lassen. Wenn eine Gitarre von Jimi Hendrix bei einer Auktion Höchstpreise erzielt, wird das wohl vor allem daran liegen, dass Menschen den Eindruck haben, es handele sich hier um mehr als eine normale Gitarre. Besonders anschaulich wird dies bei Gegenständen, die mit der Geschichte der gesunkenen Titanic verbunden sind. So wurde eine an sich völlig unspektakuläre Holzplatte – das legendäre Requisit, das in James Camerons Film Titanic Rose rettete, nicht aber Jack – für über 700.000 US-Dollar versteigert.
Ob man nun sein Herz separat bestattet, Herzreliquien anbetet oder sein Gehirn einfrieren lässt: Die Frage, was vom Menschen bleibt, besteht weiterhin.
Text von Philipp Pilhofer
Philipp Pilhofer ist Kirchenhistoriker und Religionswissenschaftler.
In Zusammenarbeit mit: Maciej Chmara
Werke in der Ausstellung
07.1 Herzbecher (Reliquiar) 5./6. Jh, 2026
07.2 Herzbecher (Daten) 2047, 2026

Philipp Pilhofer
Philipp Pilhofer ist Kirchenhistoriker und Professor für Christentumsgeschichte an der Universität Wien. Seine Forschung untersucht die Ausbreitung und Transformation des Christentums in der Spätantike sowie die Rolle religiöser Vorstellungen, Rituale und Gemeinschaften in historischen Veränderungsprozessen. Dabei analysiert er, wie Erzählungen, Kultorte und materielle Zeugnisse Beziehungen zwischen Menschen, Orten und mehr-als-menschlichen Akteur*innen prägen und Formen kollektiver Zugehörigkeit hervorbringen. In einem weiteren Schwerpunkt erforscht er, wie um 1600 an europäischen Universitäten studiert wurde. Historische Forschung verbindet er mit digitalen Methoden und interdisziplinären Ansätzen, um neue Perspektiven auf die Entstehung religiöser Welten zu eröffnen. Profilseite Philipp Pilhofer
Literatur
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Dietz, A. (2024): Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Die Herzbestattung. Geschichte und Bedeutung. Böhlau: Göttingen.
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Pilhofer, P. (Hg.) (2020): Das Martyrium des Konon von Bidana. Einleitung, Text und Übersetzung. De Gruyter: Berlin/Boston, 43–70.
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Schmitz-Esser, R. (2014): Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers. Thorbecke: Ostfildern.
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Wiśniewski, R. (2018): The Beginnings of the Cult of Relics. Oxford University Press: Oxford.