Startseite
Die Herzbestattung und die Frage: „Was bleibt?“
Was macht einen Menschen aus, was ist das Entscheidende am Menschen – und vor allem: was bleibt vom Menschen, wenn er stirbt? (Philipp Pilhofer)

Menschen unterschiedlicher Kulturen und Zeitalter haben darauf verschiedene Antworten gegeben. Aber ein Organ rangierte in der menschlichen Wertschätzung oft weit oben: das Herz. Das konnte so weit führen, dass vor allem in Westeuropa das Herz aus Leichnamen herausoperiert und einzeln aufbewahrt und bestattet wurde: So war das Herz das, was blieb. In ein kleines Bleidöschen, den „Herzbecher“, verpackt und beispielsweise in eine Urne gestellt, konnte es lange Zeiten überdauern. Zugleich zeigte sich so das anatomische Wissen und die chirurgischen Fähigkeiten damaliger Expert:innen. Diese Zerlegung war keine Tätigkeit im Halbschatten von Hinterhöfen, sondern wurde in den gängigen Medien vorgezeigt, wir zum Beispiel in Darstellungen in einem Kirchenfenster (Freiburger Münster, 13. Jh.). Man schämte sich aber auch nicht, die Statuen der Toten auf ihren Gräbern mit sichtbaren Narben der „Herz-OP“ auszustatten. Ein prominentes Beispiel für die Herzbestattung ist Kaiser Friedrich I. Barbarossa, der 1190 nach seinem Tod in den kalten Strömen des heutigen Göksu (bei Silifke in der Südtürkei) und anschließend zunächst mit Essig konserviert werden sollte. Nachdem dies fehlschlug, wurde sein Leichnam gekocht, zerlegt und an mehreren Orten bestattet, nämlich in Antakya, in Tyros und in Tarsos – hierhin wurde auch das Herz verbracht.
Weltweit sind etwa 2000 Herzbestattungen bekannt. Es war also ein kleiner elitärer Zirkel, der sich solches leistete und auf diese Weise gelegentlich versuchte, die Zeiten zu überdauern. Das Herz des englischen Königs Richard Löwenherz konnte daher über 800 Jahre nach seinem Tod noch wissenschaftlich untersucht werden. Oftmals bildeten sich Traditionen getrennter Bestattung verschiedener Körperteile an verschiedenen Orten, vor allem bei Herrscherhäusern wie den bayerischen Wittelsbachern und den österreichisch-spanischen Habsburgern. Aber auch geistliche Würdenträger ließen ihre Herzen separat bestatten. So liegt das Herz des Fürstbischofs Julius Echter, der die Universität Würzburg gründete, noch heute im entsprechenden Monument in der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten Neubaukirche. In einigen Fällen wurde der Herzmuskel nicht nur so gut konserviert, dass er auch Jahrhunderte später erhalten blieb, sondern zugleich auf eine Art und Weise untergebracht, dass er noch heute zu betrachten ist. Ein Beispiel ist das Herz von Karl August von Hardenberg, das seit kurz nach seinem Tod 1822 bis heute im Altar der „Schinkel-Kirche“ in Neuhardenberg (unweit der Oder) steht.
Heute erscheint die separate Herzbestattung kurios. Spätestens, seit 1967 in Kapstadt die erste Herztransplantation gelungen ist, dürfte es allen gedämmert haben, dass ein Mensch weitgehend derselbe bleibt, auch wenn er den Herzmuskel eines anderen erhalten hat. Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass der Mensch sich, auf atomarer Ebene betrachtet, alle paar Jahre fast vollständig erneuert – selbst das Skelett. Ein neuer Mensch? Wohl eher ist der Mensch eine Art Atomwolke, die ihre ungefähre Form bewahrt, während die Atome einem andauernden Austausch unterliegen.
Damit scheidet das Herz allerdings als „das, was bleibt“ aus. Auch für die übrigen Organe dürfte es keine gute Aussichten geben, selbst das Einfrieren des Gehirns lohnt sich in dieser Hinsicht absehbar nicht. Das eigentliche Problem ist damit aber nicht aus der Welt und wird heute besonders prominent durch die Vertreter des Trans- und Posthumanismus debattiert.
Doch bleiben wir bei der historischen Sicht. Ein weiterer Aspekt der Frage „was bleibt?“ ist der Reliquienkult, frei übersetzt der „Kult um Übrigbleibsel“. Beispielsweise im Christentum sind seit der Spätantike verschiedene Körperteile von wichtigen („heiligen“) Personen eben als Reliquien aufbewahrt worden – auch deren Herzen. Schnell verband sich mit ihnen der Glaube an wundersame Wirkweisen, die gewissermaßen die Echtheit der Reliquien bestätigen konnten.
Die Erforschung des historischen Reliquienkultes wirft ein Schlaglicht auf die intensive Religiosität der einfachen Bevölkerung abseits komplexer theologischer Entwürfe. Es lassen sich die Zeichen der jeweiligen Zeit daraus genauso ablesen wie die Machtverhältnisse. Denn der Zugang zu den Reliquien wurde architektonisch oder über soziale Vorgaben mehr oder minder subtil kanalisiert und reglementiert. Auch die Ausbreitung und die bauliche Umsetzung spezieller Reliquienkulte war nicht nur eine religiöse, sondern selbstverständlich eine ebenso politische Frage. Besonders interessant und vielsagend ist die Untersuchung der Berührungspraktiken: Durfte man die Reliquien nur aus der Ferne ansehen, berühren, oder gar, wie der spätantike Pilger von Piacenza berichtet, aus dem Schädel einer Heiligen trinken?
Auch diese Praktiken und der damit zusammenhängende Glaube mögen heute weit weg wirken. Aber in gewandelter Form sind in verschiedenen Fankulturen ähnliche Phänomene zu beobachten, die klassische Autogrammjagd ist da nur der Anfang. Die Echtheit kann sich der Zweifler ganz ohne Wundertätigkeit heute durch NFTs verifizieren lassen. Wenn eine Gitarre von Jimi Hendrix bei einer Auktion Höchstpreise erzielt, wird das wohl vor allem daran liegen, dass Menschen den Eindruck haben, es handele sich hier um mehr als eine normale Gitarre. Besonders deutlich sichtbar wird das bei Gegenständen aus dem Umfeld der gesunkenen Titanic. Das kann bekanntlich so weit gehen, dass eine an sich völlig unspektakuläre Holzplatte – das legendäre Requisit, das lediglich in James Camerons Film „Titanic“ Rose rettete, nicht aber Jack – für über 700.000 $ versteigert wird. –
Ob man nun sein Herz separat bestattet, Herzreliquien anbetet oder sein Gehirn einfrieren lässt: Die Frage, was vom Menschen bleibt, besteht weiterhin.

Philipp Pilhofer ist Kirchenhistoriker und Professor für Christentumsgeschichte an der Universität Wien. Seine Forschung untersucht die Ausbreitung und Transformation des Christentums in der Spätantike sowie die Rolle religiöser Vorstellungen, Rituale und Gemeinschaften in historischen Veränderungsprozessen. Dabei analysiert er, wie Erzählungen, Kultorte und materielle Zeugnisse Beziehungen zwischen Menschen, Orten und mehr-als-menschlichen Akteur:innen prägen und Formen kollektiver Zugehörigkeit hervorbringen. In einem weiteren Schwerpunkt erforscht er, wie um 1600 an europäischen Universitäten studiert wurde. Historische Forschung verbindet er mit digitalen Methoden und interdisziplinären Ansätzen, um neue Perspektiven auf die Entstehung religiöser Welten zu eröffnen.
Literatur
-
Armin Dietz: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ Die Herzbestattung. Geschichte und Bedeutung, Göttingen: Böhlau 2024.
-
Philipp Pilhofer (Hg.): Das Martyrium des Konon von Bidana. Einleitung, Text und Übersetzung, De Gruyter: Berlin/Boston 2020, 43–70.
-
Romedio Schmitz-Esser: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers, Thorbecke: Ostfildern 2014.
-
Robert Wiśniewski: The Beginnings of the Cult of Relics, Oxford University Press: Oxford 2018.