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Assistenz-Verwicklungen
Eine Installation und Hörstation zeigt anhand einer ethnografischen Untersuchung von Pflegesensorbetten in Altersheimen, ob und wie sich das Versprechen der Technologie im Pflegealltag einlöst. (Stefanie Büchner, Jannis Hergesell + Malte Weber)

Pflegesensorbetten als Schritt zur Überwindung des Fachkräftemangels in der Pflege?
Wie können wir angesichts des Fachkräftemangels Pflegekräfte in ihrem Arbeitsalltag unterstützen? Digitale Technologien scheinen auf den ersten Blick ein vielversprechender Weg zu sein – bisweilen sogar eine universale Lösung für gesellschaftliche Probleme. In verschiedensten Bereichen unterstützen uns digitale Innovationen – warum also nicht auch in diesem Bereich? Zum Beispiel mit Betten, die in Altersheimen über Sensoren selbstständig erkennen, wann Bewegungen von Gepflegten auf eine Sturzgefahr hindeuten und dann die diensthabende Pflegekraft alarmieren.
Über Unterstützungssysteme in der Pflege nachzudenken, scheint zunächst völlig unproblematisch. Denn: Besser irgendeine Unterstützung als keine. Oder? Wer möchte nicht die Möglichkeit haben, auf Unterstützung zurückzugreifen? In Umfragen würden die Zustimmungswerte hier eindeutig ausfallen.
Soziologisch lohnt sich hier ein genauerer Blick. Die Soziologie der Digitalisierung ist ein noch junges Forschungsfeld. Es untersucht, wie Gesellschaften Digitalisierung verstehen und vorantreiben und wie Digitalisierung auf die Gesellschaft zurückwirkt.
In Forschungs- und Entwicklungsprojekten wie dem der Einführung von Pflegesensorbetten in Altersheimen begleiten Forschende Pflegekräfte bei der alltäglichen Nutzung solcher Systeme: Wie integrieren Pflegekräfte diese in ihre tägliche Arbeit? Wo genau unterstützt das Sensorbett die Arbeit? Wie verändert sich die Beziehung zwischen Pflegenden und Gepflegten, auch unbeabsichtigt? Welche zusätzlichen Funktionalitäten werden in der Praxis entdeckt?
Durch unsere ethnografische Begleitung von Pflegekräften haben wir gezeigt, dass Pflegesensorbetten Pflegekräfte keineswegs in ihrem Arbeitsalltag unterstützen. Im Gegenteil.
Das Kernproblem ist: Das Sensorbett läuft mit seiner „gut gemeinten“ Funktion der Sturzgefahr-Alarmierung genau dem zuwider, was viele ambitionierte Pflegekräfte tagtäglich aufs Neue versuchen, nämlich Mobilisierung, Mobilisierung, Mobilisierung! Ein gepflegter Mensch, der „sicher“ im Bett liegt und dort auch bleiben soll, ist aus pflegerischer Sicht gerade nicht das Ziel. Um Beweglichkeit zu erhalten oder wiederherzustellen, fördern Pflegekräfte vielmehr das Verlassen des Bettes und die Mobilität ihrer Patient*innen. Liegen und Inaktivität führen zu einem fortschreitenden Abbau körperlicher Fähigkeiten.
Aber: Hat die Alarmierung bei Sturzgefahr dennoch einen Nutzen, zum Beispiel für bestimmte Gruppen von Gepflegten? Für Menschen mit Demenz etwa, die körperlich so gebrechlich sind, dass jeder Versuch, ohne Hilfe das Bett zu verlassen, tatsächlich ein Risiko für folgenschwere Stürze darstellt?
Die ethnografische Begleitung vor Ort zeigte, dass diese Gruppe tatsächlich sehr klein ist. Und: Innerhalb dieser kleinen Gruppe bewegt sich auch jeder Mensch in seinem Bett anders. Was bei dem einen eine Aufstehbewegung ist, ist bei der anderen ein Bein, das ab und an aus dem Bett hängt. Für Pflegekräfte führte das zu zahlreichen Fehlalarmen, die zusätzlich geprüft werden mussten. Und selbst wenn es nur um die Alarmierung bei Unruhe geht: Viel interessanter als zu wissen, dass ein Mensch unruhig ist, wäre es, das Warum zu erfahren und Zeit und Gestaltungsmöglichkeiten zu haben, darauf einzugehen. Dies liefert die Sensorik nicht.
Und trotzdem: Ist eine Alarmierung über einen bevorstehenden Sturz nicht immer besser als keine Alarmierung? Dieses Argument ist verständlich, aber zu kurz gedacht. In der täglichen Pflegearbeit, aber auch angesichts der vielen Zimmer, für die Pflegekräfte zuständig sind, ist es für sie schlicht unmöglich, bei einer Alarmierung so schnell im Zimmer zu sein, dass sie einen Sturz „abfangen“ könnten. Stellt man die Alarmierung sensibler ein, gibt es mehr Fehlalarme.
Hinzu kommt, dass Pflegekräfte bereits jetzt in einer Umgebung permanenter akustischer Signale arbeiten. Neben möglichen Sturzalarmen erzeugen auch die Rufe an das Bett, die von den Gepflegten selbst ausgelöst werden können, kontinuierlich Signale. Das Stationstelefon klingelt ebenfalls, weil sich Ärzt*innen, Angehörige und Kolleg*innen melden. Es mangelt also nicht an Alarmierungen, die bereits mit ihrer Arbeit um Aufmerksamkeit und Reaktion konkurrieren. Zeit fehlt hingegen für den zwischenmenschlichen Kontakt zwischen Pflegenden und Gepflegten – und sei es oft nur ein kurzes, aber wichtiges Gespräch, das zum Kern pflegerischen Handelns gehört.
Die Frage nach der technischen Unterstützung von sozialen Situationen wie diesen ist also keinesfalls eine unschuldige. Sogenannte Assistenztechnologien laufen Gefahr, eine umgekehrte Wirkung zu entfalten: Statt zu Assistenz und Entlastung können sie zu Mehrarbeit für Fachkräfte und zu einer zusätzlichen Verkomplizierung führen (vgl. Chevallier 2022). Unsere Gesellschaft erhofft sich viel von „guter Digitalisierung“ (Büchner und Dosdall 2025). Als Soziolog*innen und Science-and-Technology-Forschende interessieren wir uns dafür, wie digitale Technologien zu Hoffnungsträgern und damit zu potenten Technologien, beispielsweise zur Lösung von Fachkräfteproblemen gemacht werden (vgl. Büchner 2023). Wir fragen danach, welche Akteur:innen Gütekriterien für eine „optimierte Pflege“ definieren (Bischof 2019). Ebenso interessiert uns, welche Stimme Nutzer*innen und Gepflegte haben, wenn es darum geht, ihre Unterstützungsbedarfe – seien sie technisch, soziotechnisch oder sozial – auszudrücken und relevant zu machen, zum Beispiel durch partizipative Entwicklungsformen (vgl. Büchner et al. 2021; Jarke und Manchester 2025).
Dabei steht „nie nur der Mensch“ im Mittelpunkt, sondern Gesellschaften – Gesellschaften mit ihren strukturellen Widersprüchen (z. B. dem Anspruch, professionelle und zugleich bezahlbare Pflege zu realisieren; Hergesell 2019) und ihrer gesamten Komplexität: von der Digitalisierung als politischem Hoffnungsträger über Pflegeorganisationen wie Altersheime, Technologieentwickler und Professionen wie die Pflege bis hin zu den Bürger*innen, die Pflege- und Sorgearbeit leisten und empfangen.
Text von Stefanie Büchner, Jannis Hergesell und Malte Weber
Stefanie Büchner ist Soziologin, Jannis Hergesell Soziologe und Altertumsforscher und Malte Weber Digitalisierungsmanager
Werk in der Ausstellung
12 Assistenz-Verwicklungen, 2026

Stefanie Büchner
Stefanie Büchner ist Soziologin und Professorin für Soziologie der Digitalisierung an der Leibniz Universität Hannover. Ihre Arbeit untersucht, wie digitale Technologien Arbeitsprozesse, Organisationen und professionelle Praktiken verändern und wie umgekehrt soziale Strukturen die Entwicklung und Nutzung von Technologien prägen. Ihre Forschung richtet den Blick auf die Formen und Folgen von Digitalisierung, Datafizierung und Künstlicher Intelligenz in Bereichen wie Pflege, Gesundheit und öffentlicher Verwaltung. Dabei untersucht sie insbesondere, wie digitale Systeme den Arbeitsalltag von Fachkräften verändern, neue Formen von Verantwortung erzeugen und Vorstellungen von Effizienz, Fürsorge und Teilhabe neu gestalten. Profilseite Stefanie Büchner
Malte Schwarz-Weber
Malte Schwarz-Weber (geb. Weber) ist Digitalisierungsmanager im öffentlichen Dienst des Landes Berlin und arbeitet an der Justizvollzugsanstalt Moabit. Nach dem glücklicherweise erfolglosen Versuch, Jurist zu werden, absolvierte er ein Bachelor- und Masterstudium der Soziologie technikwissenschaftlicher Richtung an der TU Berlin. Im Zentrum seines Interesses stehen der Einfluss digitaler Technologien auf die Gesellschaft sowie qualitative und quantitative Methoden der empirischen Sozialforschung. Nach seiner Abschlussarbeit zum Thema „Digitalisierung im Alter“ arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter gemeinsam mit Prof. Stefanie Büchner und Dr. Jannis Hergesell im partizipativ ausgerichteten Projekt OPAL der Leibniz Universität Hannover, das die Einführung digitaler Pflegebetten in Altersheimen untersuchte. Parallel war er regelmäßig als freier Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Methoden der empirischen Sozialforschung an der TU Berlin tätig. Kurz nach Abschluss des Projekts OPAL begann er seine derzeitige Tätigkeit und begleitet seither den digitalen Transformationsprozess im laufenden Betrieb der JVA Moabit.
Jannis Hergesell
Jannis Hergesell hat Altertumswissenschaften und Soziologie studiert und ist wissenschaftlicher Referent beim Forschungsnetzwerk Alterssicherung (FNA) der Deutschen Rentenversicherung Bund. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Sozialpolitik- und Wohlfahrtsstaatsforschung, der Gesundheitssoziologie sowie der Prozess- und Techniksoziologie. Dabei beschäftigt er sich insbesondere mit Fragen der Erwerbsminderung. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Wissenschaftskommunikation und die Frage, wie wissenschaftliche Forschung verständlich und zielgruppengerecht vermittelt werden kann. Profilseite Jannis Hergesell
Literatur
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Bischof, A. (2019): Wir wollten halt etwas mit Robotern in Care machen – Epistemische Bedingungen der Entwicklungen von Robotern für die Pflege. In: Jannis Hergesell, Arne Maibaum und Martin Meister (Hg.): Genese und Folgen der „Pflegerobotik“. S. 46–61.
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Büchner, S. (2023): Endless Potential – Potenzial als mythologische Komponente digitaler Technologien. In: Thomas Klatetzki und Günther Ortmann (Hg.): Organisation und Mythos. Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft, S. 219–253.
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Büchner, S. und Dosdall, H. (2025): Digitalisierung. In: Martina Althoff, Mechthild Bereswill und Anke Neuber (Hg.): Handbuch Soziale Probleme. Wiesbaden: Springer, S. 1–17.
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Büchner, S., Hergesell, J. und Weber, M. (2021): Mikropolitik in der partizipativen Technikentwicklung. Wie können Professionen in der partizipativen Technikentwicklung gestärkt werden? Zeitschrift für Führung und Personalmanagement in der Gesundheitswirtschaft, 7 (1), S. 48–54. DOI: 10.17193/HNU.ZFPG.07.01.2021-01.
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Chevallier, M. (2022): Staging Paro: The care of making robot(s) care. Social Studies of Science, 53 (5), S. 635–659.
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Hergesell, J. (2019): Technische Assistenzen in der Altenpflege. Weinheim: Juventa Verlag.
Jarke, J. und Manchester, H. (2025): Datafied ageing futures: Regimes of anticipation and participatory futuring. Big Data & Society, 12 (1), Artikel 20539517241306363.