Miam Miam

Welches unterschätzte Potenzial birgt die Kulturtechnik des Kochens? Kann die Zubereitung von Nahrung therapeutische Wirkung entfalten?

Illustration von drei Personen, die in einer Küche Essen zubereiten. Links unten gibt eine Person Gemüse in einen großen dampfenden Topf. An einer weißen, unregelmäßig geformten Arbeitsfläche knetet eine sitzende Person gelben Teig, während eine andere über einem größeren Teighaufen steht. In den Regalen darüber stehen Gläser, Flaschen und Topfpflanzen.
Illustration: Anna Rosinke, Maciej Chmara

Ob Wurst, Döner, Hamburger oder Veggie Day – Essen ist längst zum politischen Akt geworden und wirkt identitätsstiftend. Doch während das Nahrungsmittel selbst intensiv diskutiert wird, bleibt die Zubereitung oft ausgeblendet. Dabei hat die häusliche Küche das Auto als Statussymbol abgelöst, Kochsendungen und -bücher erleben seit Jahren eine Renaissance, und spätestens seit den COVID-Lockdowns hat sich fast jede*r einmal am Brotbacken versucht.

Die Arbeitsgruppe widmet sich einer Kulturtechnik, deren Niedergang seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prognostiziert wird – und die sich dennoch, trotz TV-Dinner, Thermomix und Lieferdiensten, immer wieder behauptet.

Mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Lebenswelt geht eine Verschiebung sensorischer Belastung einher: visuell-auditive Überreizung bei gleichzeitiger Verarmung insbesondere taktiler und olfaktorischer Wahrnehmung. Parallel dazu lässt sich ein Verlust feinmotorischer Kompetenzen beobachten. Kochen, Backen und Fermentieren wirken dieser Entwicklung als multisensorische Praktiken entgegen. Sie integrieren alle Sinnesmodalitäten, schulen Feinmotorik und Koordination, fördern Achtsamkeit und können therapeutische Effekte entfalten.

In praxisorientierten, interdisziplinären Formaten beleuchtet die AG das Thema aus psychosomatischer, mikrobieller, sozialer und historischer Perspektive. Ziel ist es, gesunde wie ökologisch verträgliche Koch- und Ernährungskonzepte zu entwickeln.

Ein runder, knuspriger Brotlaib liegt auf einer weißen Tischplatte. Zwei große Handmikrofone mit schwarzem Schaumstoffwindschutz sind auf beiden Seiten des Brotes positioniert, ihre Kabel ragen über den Tisch hinaus. Ein kleines Lavalier-Mikrofon ist oben in der Mitte des Brotes befestigt, sein dünnes Kabel ragt nach außen.
Foto: Ch.Ro, Markus Zahradnik

2026

Die Physik des Sauerteigs – Eine interdisziplinäre Expedition durch Teig, Zeit und Teilchen

Wissenschaft ist zunehmend mit Vertrauensverlust und Kommunikationsbarrieren konfrontiert, dieses Projekt zeigt exemplarisch auf, wie komplexe wissenschaftliche Konzepte durch alltägliche Erfahrungen vermittelt werden können. Die Verbindung von experimenteller Physik und Brotbacken schafft einen niederschwelligen Zugang zu fundamentalen naturwissenschaftlichen Prinzipien, ohne dabei die wissenschaftliche Rigorosität zu kompromittieren.

Statt abstrakte Theorien isoliert zu präsentieren, werden thermodynamische Prozesse, mikrobiologische Systeme und quantenmechanische Prinzipien in einem greifbaren, sensorisch erfahrbaren Kontext verortet. Diese Form der embodied science education hat das Potenzial, neue Zielgruppen für naturwissenschaftliche Fragestellungen zu begeistern.

Aus Sicht der Forschung adressiert das Vorhaben aktuelle Fragen der Komplexitätsforschung und Systembiologie. Die Fermentationsprozesse im Sauerteig stellen ein ideales Modellsystem für emergente Phänomene dar, deren Verständnis weit über die Lebensmittelwissenschaft hinaus Relevanz besitzt. Wissenschaft, innovative und künstlerischer Forschungsansätze entstehen auch in der kreativen Verschränkung unterschiedlicher Wissensdomänen.

Das Projekt „Die Physik des Sauerteigs – Eine interdisziplinäre Expedition durch Teig, Zeit und Teilchen“ wird durch die Bodo-von-Borries-Stiftung gefördert.

Sprecher*innen

beteiligte Mitglieder