VOID

Eine skulpturale Videoinstallation aus einem Video und einer Wolfsskulptur. Entstanden aus dem Experiment, sich einer Landschaft anspruchslos auszusetzen, zeigt das Video nur Körperteile statt Personen. Im geteilten Blick mit dem Wolf lassen wir uns auf ein nicht-menschliches Sehen ein. (Levent Duran + Senem Gökçe Oğultekin)

Foto eines mittelgroßen, haarlosen Wolfes mit blasser, faltiger Haut und sichtbarer Muskulatur, großen, aufrecht stehenden Ohren, mandelförmigen Augen und schlanken Beinen, der auf einem Betonboden vor einer abgenutzten grauen Wand steht.
VOID, Bild: Senem Gökçe Ogultekin, Levent Duran, 2025

Die Videoinstallation VOID basiert auf einem gleichnamigen Filmprojekt, das während einer zehntägigen Praxis des Verweilens im Braunkohletagebau Welzow-Süd entstanden ist. Als Gruppe von 17 Menschen verbrachten wir zehn Tage in einer Landschaft, die durch menschliche Eingriffe radikal verändert wurde.

Ausgangspunkt war ein Experiment: Was geschieht, wenn wir uns auf einen solchen Ort einlassen, ohne ihn gestalten, erklären oder beherrschen zu wollen? Inspiriert vom Konzept des Degrowth (Degrowth – auch als Postwachstum bezeichnet – ist ein wirtschafts- und gesellschaftskritischer Begriff. Er beschreibt die geplante und demokratische Verringerung von Produktion und Konsum, um den Ressourcenverbrauch zu senken und innerhalb der ökologischen Grenzen der Erde zu leben.) interessierte uns die Möglichkeit, weniger zu produzieren und stattdessen mehr wahrzunehmen. Verlangsamung wurde dabei zu einer künstlerischen Methode. Wir hörten dem Wind zu, dem Staub, den Maschinen, den Stimmen, den eigenen Atemgeräuschen. Zuhören verstehen wir dabei als einen Akt des Raumgebens: dem eigenen Körper Raum geben, anderen Lebewesen Raum geben. Den Raum als etwas verstehen, das schon vor uns existierte und nach uns weiter existieren wird.

In diesem Prozess haben wir den Körper als Ort der Wahrnehmung verstanden. Ein Körper, der ganzkörperlich horcht – der sein Gewicht spürt, sein Volumen, seine Vergänglichkeit und seine Beziehung zu anderen Körpern, Materialien und Räumen. Ein Körper, der die eigene Perspektive nicht als selbstverständlich voraussetzt, sondern sich für das öffnet, was außerhalb von ihm existiert.
Aus dieser Haltung entsteht ein Zwischenraum: zwischen Körper und Landschaft, zwischen Mensch und Material, zwischen Kontrolle und Empfänglichkeit. Gleichzeitig ruft dieser Versuch einen temporär autonomen Zustand des Seins hervor – jenseits von Zeit und Zweck, der Leere anvertraut –, in dem man sich der Unsicherheit, Transformation und Begegnung aussetzt.

Die Landschaft wurde zu einem Gegenüber, einer Protagonistin.

Als erfahrungsbasierter, körperlicher und philosophischer Prozess nimmt VOID zwar die Form eines Films an, verweigert sich jedoch weitgehend den Konventionen des Erzählkinos. Statt einer Handlung mit Anfang und Ende entfaltet sich eine sensorische Studie. Das Video bewegt sich von einem Zustand des Fühlens in einen anderen und lädt Sie dazu ein, selbst Teil dieser Erfahrung zu werden. VOID kann als eine Elegie verstanden werden – gewidmet einer von vielen möglichen Zukünften. Es ist eine Zukunft, über die wir häufig sprechen, deren Bilder wir jedoch selten konkret betrachten und deren Konsequenzen wir nur ungern körperlich spüren. Der Film erschließt diese Zukunft über Empfindung, weniger über Information oder Erklärung.

Die Wolfsskulptur führt eine weitere Präsenz in den Raum ein – eine Existenz, die sich jeder einfachen Lesbarkeit entzieht. In seinem Blick liegen Verletzlichkeit und Ausgesetztheit; Kontrolle und Überlegenheit fehlen ihm. Er teilt dieselbe Unsicherheit wie die Menschen im Film.

Können wir einen Moment lang unsere menschenzentrierte Gewissheit aufgeben und eine Wahrnehmung eröffnen, die auf Koexistenz basiert, statt auf Beherrschung? Kein Nachahmen oder Identifizieren mit dem Wolf, sondern ein Übertritt in eine Zone der Nachbarschaft, in der feste Identitäten – Mensch hier, Tier dort – ihre Kontur verlieren. Der Blick wird zum Schwellenereignis, an dem sich beide, Betrachtende*r und Wolf, in ein Drittes, Unbestimmtes hinein verändern.

Damit rührt die Installation an jenem Mechanismus, der den Menschen historisch immer erst durch die Abgrenzung vom Tier definiert hat. Indem der Blick des Wolfes nicht beherrscht, sondern geteilt wird, gerät dieser Mechanismus ins Stocken: Die Grenze, die Mensch und Tier trennen sollte, wird nicht überschritten, sondern als Konstruktion sichtbar gemacht.

Der Wolf lädt dazu ein, sich auf eine andere Form des Sehens einzulassen, die über eine rein menschliche Perspektive hinausgeht. Der Film selbst tritt dabei in den Hintergrund. Entscheidend wird die Einladung, dem Wolf Gesellschaft zu leisten und die Welt für einen Augenblick gemeinsam aus seinem fremden Blick zu betrachten.

Die Befremdlichkeit reicht über den Wolf selbst hinaus. Auch der Film trägt sie in sich – als ein Gefühl der Entfremdung, das die Bedingungen seiner eigenen Entstehung berührt. Mit der Präsenz dieses Körpers entsteht so eine fragile Beziehung zwischen dem Film und der Zukunft, aus der er selbst hervorgeht: Auch er ist Teil jenes größeren Netzwerkes, das er zu befragen versucht. Der Mensch erscheint nicht länger als das Maß aller Dinge. Eher ist er ein Knotenpunkt innerhalb eines größeren Gefüges von Beziehungen, Abhängigkeiten und Einwirkungen, hervorgebracht durch unzählige Körper, Blicke und Empfindungen, durch Mensch und Tier, Natur und Technik – denn auch der Film als technisches Medium ist Teil dieses Netzwerks. Der Film wird so zum Übungsraum für eine Verantwortung, die nicht darauf zielt, den Wolf zu verstehen, sondern darauf, sich von ihm in Frage stellen zu lassen. Vielleicht liegt die eigentliche Leistung der Installation genau darin: ein Innehalten, in dem das Offene sichtbar wird, ohne sofort wieder mit einer neuen Antwort geschlossen zu werden.

Text von Levent Duran und Senem Gökçe Oğultekin
Senem Gökçe Oğultekin ist Choreografin, Performerin und Filmemacherin und Levent Duran multidisziplinärer Künstler, Schriftsteller und Pazifist.

Werk in der Ausstellung

11 VOID, 2026
Regie Video: Levent Duran, Senem Gökçe Oğultekin, Performance: Joséphine Evrard, Jana Griess, Roberta Mosca, Lisa Pottstock, Benjamin van Bebber, Jonas Leifert, Peter Rubel. Director of Photography: Constanza Sandoval. Editing: Maya Connors. Sound Design: Melih Sarigöl

Eine Person mit kurzen, lockigen braunen Haaren, die leicht seitlich gescheitelt sind, trägt ein helles Hemd mit Kragen und Knöpfen, das mit dunklen, abstrakten und tierähnlichen Motiven bedeckt ist; die Person ist von den Schultern aufwärts vor einem schlichten hellgrauen Hintergrund zu sehen und blickt direkt in die Kamera.
Foto: Bettina Engel-Albustin

Senem Gökçe Oğultekin

Senem Gökçe Oğultekin ist Choreografin, Performerin und Filmemacherin. Ihre künstlerische Praxis entwickelt Räume der Konfrontation, in denen Machtverhältnisse im und durch den Körper erfahrbar werden und in denen durch Sinnlichkeit, Stimme, Fiktion und Umkehrung utopische Möglichkeitsräume entstehen. In ihrer künstlerischen Forschung setzt sie sich mit dem Primat des Sehens und der damit verbundenen visuellen Kontrolle auseinander und sucht nach Perspektivverschiebungen, die dominante Sichtweisen hinterfragen und Beziehungen zwischen Menschen, anderen Lebewesen und ihrer Umwelt neu erfahrbar machen. Dabei entstehen choreografische Filme, Klangchoreografien und eine „Oper unter Vorbehalt“ – Formen, die zwischen Tanz, Stimme, Film und Installation oszillieren. Profilseite Senem Gökçe Oğultekin

Levent Duran

Levent Duran ist multidisziplinärer Künstler, Schriftsteller und Pazifist. Er studierte Soziologie an der Istanbul Üniversitesi und Filmkunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Durans Praxis bewegt sich zwischen den Disziplinen, ohne sich einer einzelnen Form zu verschreiben. Sie ist in Zwischenräumen verankert und geprägt von gegenkulturellen Praktiken, alternativen Lebensformen sowie Erfahrungen als Deserteur, jahrelanger Staatenlosigkeit und dem Leben in Temporären Autonomen Zonen. Levent Duran lebt und arbeitet in Hamburg, in fortlaufender künstlerischer Kollaboration mit Senem Gökçe Oğultekin. leventduran.art

Förderung

Die Wolfsskulptur wurde in künstlerischer Zusammenarbeit mit dem Studio ALMOST ALIVE (Julia Heppner & Sophie Ilg) realisiert.

VOID ist gefördert von: MOIN Filmförderung Schleswig-Holstein, Kunststiftung NRW, Medienboard Berlin-Brandenburg, Behörde für Kultur und Medien Hamburg, Nationales Performance Netz - STEPPING OUT, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen der Initiative NEUSTART KULTUR.