Posthumane Sauna

Die Posthumane Sauna denkt Architektur als lebendigen Kreislauf aus Wärme, Wasser, Pflanzen und Mikroorganismen statt als starres Gebäude. Sie erprobt, wie Räume unter ökologisch instabilen Bedingungen selbst Ressourcen wie Wärme und Sauerstoff erzeugen könnten. (Benedikt Hartl)

Eine kleine Tischkonstruktion aus ineinandergreifenden Holzstäbchen, die dreieckige Stützen bilden. Oben liegen zwei schräg gestellte Wellblechplatten auf, die über Drähte und rote LED-Leuchten mit einer zentralen Leiterplatte verbunden sind. Vier durchsichtige, hängende Kugeln, die grünes Moos und Erde enthalten, sind an dünnen Röhren und Drähten rund um den Holzrahmen aufgehängt.
Modell der Posthumanen Sauna, Benedikt Hartl (Opposite Office), 2026

Die Posthumane Sauna versteht Architektur nicht als statisches Objekt, sondern als metabolisches System, in dem Energie, Wasser, Gase und organische Stoffe zirkulieren, umgewandelt und wiederverwendet werden können. Die Arbeit operiert im Spannungsfeld zwischen Raum, Klima, Technik und biologischen Prozessen und entwickelt eine räumliche Versuchsanordnung, in der Atmosphäre selbst zum architektonischen Material wird. In einem geschlossenen Kreislauf aus Wärme, Verdunstung, Kondensation, Photosynthese und Stoffwechsel entsteht ein hybrider Raumzustand, der unterschiedliche Atmosphären und Mikroklimata miteinander verbindet und kontinuierlich zwischen ihnen oszilliert.

Damit knüpft die Arbeit unmittelbar an die experimentelle Praxis von Opposite Office an, die Architektur nicht primär als Gebäudeproduktion versteht. Vielmehr begreift sie sie als offene räumliche Forschung an ökologischen, technologischen und sozialen Bedingungen. Charakteristisch für diese Praxis ist die Entwicklung spekulativer Infrastrukturen, die bestehende Beziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Technik neu organisieren. Die Posthumane Sauna führt diesen Ansatz weiter, indem sie Architektur als aktiven klimatischen Akteur begreift: weniger als Hülle, die Umwelt kontrolliert, denn als System, das Wetter produziert, Stoffwechsel organisiert und atmosphärische Prozesse sichtbar macht. Der Begriff „posthuman“ verweist dabei auf eine Architektur, in der nicht allein der Mensch als handelnder Akteur gedacht wird: Auch Klima, Pflanzen, Mikroorganismen und technische Systeme wirken an der Gestaltung des Raumes mit.

Der Raum der Sauna ist dabei weder rein funktional noch rein symbolisch. Er fungiert gleichzeitig als Gewächshaus, Wasseraufbereitungsanlage, Wärmekörper, Fermentationsraum und Versammlungsort. Die Arbeit verschiebt damit klassische architektonische Kategorien und entwirft eine Infrastruktur, in der menschliche und nicht-menschliche Akteure koexistieren. Pflanzen, Pilze, Kondenswasser, CO₂, Hitze und Nebel werden zu aktiven Bestandteilen eines gemeinsamen metabolischen Systems. Architektur erscheint hier nicht als anthropozentrische Ordnung, sondern als dynamisches Gefüge gegenseitiger Abhängigkeiten.

Im Zentrum steht die Frage, wie Räume unter Bedingungen ökologischer Instabilität zukünftig funktionieren könnten. Die Posthumane Sauna imaginiert eine postapokalyptische Situation, in der Architektur grundlegende Ressourcen wie Wärme, Wasser, Nahrung und Atemluft selbst erzeugen muss. Die Arbeit formuliert damit keine technologische Utopie, sondern ein räumliches Szenario der Anpassung und Koexistenz. Gerade durch ihre hybride Materialität – zwischen Low-Tech-Infrastruktur, Gewächshaus, Ritualraum und Klimamaschine – erzeugt sie eine neue Vorstellung architektonischer Autonomie.

Die räumliche Organisation folgt dabei thermodynamischen Prozessen anstelle klassischer funktionaler Zonierungen, die Räume nach festen Nutzungen aufteilen. Unterschiedliche Temperatur- und Feuchtigkeitsbereiche schichten sich vertikal übereinander und erzeugen ein oszillierendes Innenklima aus trockener Hitze, tropischer Feuchtigkeit und kondensierendem Nebel. Architektur wird hier als energetischer Prozess lesbar: Luft zirkuliert, Wasser verdampft und kondensiert, Pflanzen transformieren CO₂ in Sauerstoff, Wärme wird gespeichert und verteilt. Die Atmosphäre ist nicht länger Hintergrund menschlicher Nutzung. Sie wird zum eigentlichen Medium der Gestaltung.

Damit steht die Arbeit exemplarisch für eine zeitgenössische architektonische Praxis, die sich von objektorientierter Formproduktion löst und stattdessen mit Prozessen, Kreisläufen und zeitlichen Veränderungen arbeitet. Die Posthumane Sauna verbindet spekulatives Denken mit materiellem Experimentieren und entwickelt Architektur als begehbares Umweltmodell. Sie veranschaulicht, dass Räume aktiv an ökologischen, politischen und klimatischen Bedingungen mitwirken.

Die Posthumane Sauna versteht sich somit nicht als fertiges Objekt. Sie ist vielmehr ein Prototyp: ein räumliches Labor, in dem alternative Formen des Zusammenlebens zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren erprobt werden. Architektur wird hier zu einer sensiblen, atmosphärischen Infrastruktur, die keine Kontrolle über die Umwelt ausübt, sondern sich in zirkuläre Prozesse von Abhängigkeit, Transformation und Regeneration einschreibt.

Text von Benedikt Hartl
Benedikt Hartl ist Architekt.

Werk in der Ausstellung

06.1 Architekturmodelle (Posthumane Saunen), 2026

Human Weather (Levent Duran + Senem Gökçe Oğultekin)

In einer dystopischen Zukunft gibt es an bestimmten Orten sogenannte „Klimasaunen“. Menschen nutzen sie von Zeit zu Zeit, um die Luft an die Klimanormen der Vergangenheit anzupassen und wieder atmen und existieren zu können, ohne sich von dem ihnen vertrauten atmosphärischen Gleichgewicht zu lösen – also um nicht zu Robotern zu werden.

Ein Mann steht in einem Raum und blickt mit den Händen in den Hüften in die Kamera. Er hat kurzes dunkles Haar, einen gepflegten Schnurrbart und trägt ein schlichtes schwarzes T-Shirt mit kurzen Ärmeln. Hinter ihm befindet sich eine große Fensterfront mit Gitterfenstern, durch die man draußen Äste und Laub sehen kann.
Foto: Stephanie Neumann

Benedikt Hartl

Benedikt Hartl ist Architekt und Professor für Entwerfen, Gestaltung und Experimentellen Raum an der Hochschule Kaiserslautern. Als Gründer des Münchner Architekturbüros Opposite Office untersucht er die gesellschaftliche und politische Wirksamkeit von Architektur. Seine spekulativen Entwürfe bewegen sich zwischen Realität und Fiktion und verstehen Architektur als Medium, um Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Ressourcenverteilung und zukünftigen Lebensformen neu zu verhandeln. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie gebaute und gedachte Räume als Instrumente zur Gestaltung möglicher Zukünfte wirken können. Profilseite Benedikt Hartl