Bju:tiful?

Workshop mit Jugendlichen zu Vorstellungen von Körper, Schönheit und Normalität – von kolonialen und rassistischen Wissensordnungen bis zu KI-generierten Bildern und transhumanistischen Zukunftsvisionen. (Anne Hemkendreis und Hannimari Jokinen)

Auf einem weißen Museumsständer ist ein horizontaler Messschieber aus Messing und Stahl mit einer verschiebbaren Noniusskala und zwei spitzen Beinen befestigt. Links davon befindet sich eine braunstichige Querschnittsabbildung mit der Beschriftung „Abb. 13“, rechts davon ein weißes, poröses Knochenfragment.
Kraniometer nach Virchow, vor 1900 | Inv.-Nr. 2006:95, Foto: Adrian Notz, 2026

Mit Bju:tiful? untersuchen wir, wie aus historischen Vorstellungen vom „Volkskörper“ heutige Bilder des schönen, normalen und schließlich des technologisch optimierten oder gar unsterblichen Körpers entstehen. Uns interessiert, wer diese Vorstellungen geprägt hat, welche Körper sichtbar werden und welche ausgeschlossen bleiben. Dabei verfolgen wir die historischen Linien, die von kolonialen und rassistischen Wissensordnungen bis in gegenwärtige Bildwelten reichen – von Werbung und sozialen Medien bis hin zu KI-Technologien und transhumanistischen Zukunftsvisionen.

Der Workshop wird im Rahmen der Ausstellung Wir waren nie nur Mensch entwickelt und versteht den Ausstellungsort selbst als Teil dieser Geschichte. Die Sammlung des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité ist nicht nur ein Ort, an dem Wissen gezeigt wird, sondern auch ein Ort, an dem Wissen über Körper produziert wurde. Anthropometrische Vermessungen, anthropologische Sammlungen und wissenschaftliche Klassifikationen haben Vorstellungen von „Normalität“ und Differenz entscheidend mitgeprägt. Diese Geschichte greifen wir auf und fragen, wie ihre Bilder und Kategorien bis heute nachwirken.

Im Workshop verbinden wir historische Fotografien, anthropologische Messinstrumente und koloniale Bildarchive mit aktuellen Phänomenen wie Schönheitsfiltern, KI-generierten Bildern und transhumanistischen Zukunftsentwürfen. Dabei interessiert uns, warum Bilder so wirkmächtig sind und wie sie unsere Vorstellungen von Körpern, Identitäten und Zugehörigkeit formen.

Gemeinsam mit Oberstufenschüler*innen entwickeln wir einen Creative-Writing-Prozess, der historische Materialien mit eigenen Erfahrungen und Beobachtungen verknüpft. Ausgehend von Bildern entstehen Kurztexte und lyrische Arbeiten, die bestehende Erzählungen hinterfragen und neue Perspektiven eröffnen. Ergänzt wird dieser Prozess durch fotografische Experimente mit transparenten Gesichtsmasken, die westlich geprägte sowie medial vermittelte Schönheits- und Körpernormen sichtbar machen und dabei bewusst irritieren.

Die im Workshop entstandenen Texte und Porträts werden im Rahmen der Finissage am 12. Juni 2027 Teil der Ausstellung. Sie ergänzen Perspektiven auf Fragen von Repräsentation, Othering, Rassismus und technologischer Kontrolle des Körpers und veranschaulichen, wie historische Menschenbilder bis heute fortwirken – und wie sie sich zugleich kritisch hinterfragen und neu erzählen lassen.

Text von Anne Hemkendreis und Hannimari Jokinen.
Anne Hemkendreis ist Kunsthistorikerin und Hannimari Jokinen ist bildende Künstlerin und Kuratorin.

Werk in der Ausstellung

03 Bju:tiful?, 2026/2027, Workshop für Jugendliche. Die Workshop-Ergebnisse werden zur Finissage präsentiert.

Eine Kopf-und-Oberkörper-Aufnahme einer Frau mit schulterlangem, welligem braunem Haar, das seitlich gescheitelt ist, die ein schlichtes schwarzes Kurzarm-Shirt trägt. Sie steht vor einem neutralen hellgrauen Hintergrund, ihr Körper ist leicht nach rechts geneigt, sie blickt nach vorne und lächelt.
Foto: Bernd Brundert

Anne Hemkendreis

Anne Hemkendreis ist Kunsthistorikerin und Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiatin am Greenhouse – Centre for Environmental Humanities der Universität Stavanger. Sie erforscht, wie Kunst und visuelle Kultur koloniale und postkoloniale Wissensordnungen prägen und bis in die Gegenwart nachwirken. Dabei beschäftigt sie sich insbesondere mit dem Kolonialismus in der Arktis, mit Darstellungen samischer Gegenwartskunst sowie mit indigenen Kosmologien in Kunst und visueller Kultur. Anhand wissenschaftlicher, ethnografischer und künstlerischer Bilder analysiert sie, wie Vorstellungen von Mensch, Natur und kultureller Differenz hervorgebracht werden und Museen, Archive sowie gesellschaftliche Diskurse bis heute prägen. Profilseite Anne Hemkendreis

Hannimari Jokinen

Hannimari Jokinen ist bildende Künstlerin und Kuratorin. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit Erinnerungskulturen, Gedenkorten im öffentlichen Raum und Strategien der Dekolonisierung. Mit ortsspezifischen und partizipativen künstlerischen Formaten dekonstruiert sie Machtverhältnisse in etablierten Bildern, Denkmälern und gebauten Umgebungen, die das europäische Geschichtsbewusstsein prägen. Dabei untersucht sie auch die Erinnerungen der Kolonisierten, die sie beteiligungsorientiert und multidirektional in narrative und räumliche Konstellationen überführt. Ihre Arbeiten eröffnen alternative Perspektiven auf Erinnerung und kulturelles Erbe.