Zur Gründung

Festansprache von Benno Parthier

Liebe Gründungsmitglieder der Jungen Akademie, meine verehrten Damen und Herren!

Das Wissen in der Welt verdoppelt sich statistisch alle fünf Jahre. Die Inventoren von "Die Junge Akademie" haben wohl weniger dieses Faktum für die Fünfjahre-Regel einer Mitgliedschaft der heute feierlich gegründeten Akademie im Auge gehabt, als vielmehr die Erfahrung, dass sich junge Menschen in fünf Jahren stärker verändern als es ältere Menschen im gleichen Zeitraum vermögen. In diesem wie in jenem Falle können auch Akademien Weichen für ihre Zukunft stellen, aber mit jungen Mitgliedern ist das zweifellos leichter durchführbar.

"Die Junge Akademie" ist dennoch ein Versuch, ein Experiment, ein Wagnis. Jedes Wagnis enthält Chancen und Risiken. Für den experimentellen Biologen – und ein solcher war ich in der längsten Zeit meines Lebens – birgt jeder Versuch ein bestimmtes Verhältnis zwischen trial and error. Er kann gelingen, er kann aber auch scheitern. Dass dieses Gleichgewicht nicht den theoretischen Wert von 50 Prozent beträgt, hängt damit zusammen, dass Experimente von Menschen erdacht werden, und unter denen gibt es Optimisten und Pessimisten. Sie alle kennen den Allerweltsvergleich zwischen der zur Hälfte gefüllten und der zur Hälfte geleerten Flasche – ein ebenso treffliches wie unrealistisches Kriterium, nach dem sich Optimisten von Pessimisten unterscheiden sollen. Da wir alle Optimisten sind, dürfen die Aussichten des heute beginnenden Experiments als günstig bezeichnet werden; der Erfolg wird in erster Linie davon bestimmt sein, ob die jungen Akademiker die Freiräume zu nutzen verstehen, die ihnen zur Verfügung gestellt worden sind.

Alles Neue wäre leichter durchführbar, wenn es nicht die sogenannten Rahmenbedingungen gäbe, die leider nur selten Randbedingungen sind. Mein Präsidenten-Kollege Dieter Simon ist bereits auf die Finanzierung eingegangen. Ich gestatte mir nur eine Randbemerkung: Die zumindest latent existierenden Finanzierungsquerelen um "Die Junge Akademie" zeigen, dass der deutsche Föderalismus die Vorteile und Nachteile eines Korsetts besitzt. Was allerdings in der Mode schon längst überwunden ist, wird in der Kultus- und Wissenschaftspolitik eisern gepflegt als Regel ohne Ausnahme. Gottlob gibt es Stiftungen und Stifter, denen die Förderung der jungen wissenschaftlichen Elite am Herzen liegt.

Anlaufschwierigkeiten gehören zum Geschäft, und an die Mühen der Ebenen nach den Anfangshürden werden Sie sich gewöhnen. Um so eindringlicher möchten wir an die jungen Leistungsträger appellieren: Der gewünschte Erfolg hängt in erster Linie von Ihnen und Ihren Motivationen ab! Verwandeln sie den unabänderlichen Leistungsdruck in Leistungsfreude! Damit helfen sie am besten, die Skepsis der älteren akademischen Generation zu überwinden.

Im Sinne dessen, was bereits gesagt wurde oder in der vorliegenden Broschüre und in den Statuten der Jungen Akademie steht, wollen wir noch einmal die Erwartungen der Gründerväter bzw. Gründermütter hervorheben, die interdisziplinäre Kooperation im Rahmen einer zusammenwachsenden Korporation unter allen Umständen zu suchen und zu pflegen. Selbst wenn es stimmt, dass ein Single selten allein ist, bedeutet dies noch lange nicht Interaktivität oder Transdisziplinarität. Innovationen sollten auch solche sein, keine euphemistische Verschleierung bekannter Fakten. Aus der Sicht und den Erfahrungen der Alten ist das schwieriger als es scheint, auch besten Willen vorausgesetzt. Die Grundlagen und Denkmuster, das Herangehen an die Probleme, die zwischen den sogenannten zwei Kulturen (Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften) liegen, haben sich über Generationen unterschiedlich entwickelt. Diskursfaszination auf der einen Seite und nüchterne Forschungsplanung auf der anderen Seite nicht nur zusammen zu bringen, sondern auch kooperativ wirksam werden zu lassen, wird also nicht einfach sein. Gerade deshalb ist der Anreiz groß. Es ist doch ermutigend zu wissen, dass jüngere Menschen flexibler ans Werk gehen als ältere; deshalb waren erstere schon zu allen Zeiten die Hoffnungsträger der letzteren. Die Frage steht also nicht, ob, sondern wie anzupacken ist. Das ist im Fußball so wie in der Wissenschaft. Einen selbstgerechten Wissenschaftsföderalismus in Nato-Form einzuführen, erscheint weniger hilfreich als in einer modernen partnerschaftlichen Wettbewerbsgesellschaft gemeinsam neue Formen zu finden. Wir haben Ihnen volle Autonomie zugebilligt, es wird also auch beim "brain-storming" demokratisch zugehen. Dennoch: Weniger ist manchmal mehr – nur die drei besten Ihrer 20 Ideen sollten verfolgt werden, die übrigen 17 heben Sie für später auf, wenn Sie die drei besten an den Baum gefahren haben. – Ich bin mir jedoch sicher, dass alle hier geäußerten Befürchtungen nach fünf Jahren sich als gegenstandslos erwiesen haben werden.

Keine Akademie, auch eine junge nicht, existiert im gesellschaftlich luftleeren Raum, sondern wird von der Öffentlichkeit beäugt. In den Themen, Aufgaben und Arbeitsformen will sie "Die Junge Akademie" erkennen und wird sie danach beurteilen. Als Gründungsmitglieder haben Sie die besondere Chance, die Grundsteine fest und überlegt im Fundament zu verankern, denn darauf soll ja das Haus "Die Junge Akademie" gebaut werden, und dessen Bestand wird weitgehend davon bestimmt sein, wie überzeugend die einzelnen Gründungsmitglieder sich als Basiselemente einbringen. Blicken Sie dabei auch auf Europa und auf die dort lebenden jungen Wissenschaftler; Internationalität ist ein der Wissenschaft inhärenter Gedanke.

Genug der Worte. Nach der Wahl eines Vorstandes mit einer Sprecherin sind Sie gewappnet für die nächstliegenden Taten. Mit herzlichen Wünschen für Glück und Erfolg gratuliere ich Ihnen im Namen des Präsidiums der Leopoldina und natürlich auch persönlich. Auch wir freuen uns auf gemeinsame Unternehmungen.

Wie jede Zukunft auf den Schultern der Vergangenheit ruht, steht Die Junge Akademie mit beiden Beinen, doch unabhängig im Kopf und mit freien Händen, auf den Schultern der beiden ältesten Akademien in Deutschland. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften feiert morgen in der Kontinuität mit ihren Vorgängerakademien den 300. Gründungstag, und die Leopoldina begeht in zwei Jahren das Fest ihrer Geburt als Academia naturae curiosorum vor 350 Jahren in Schweinfurt. Beide sind trotz des historischen Alters noch voller Tatendrang, wie das heute offiziell Neugeborene mit seiner Einmaligkeit und Erstmaligkeit beweist.

Schließlich empfinde ich selbst diesen 30. Juni als ein Geschenk. Vor zehn Jahren, am 30. Juni 1990, übernahm ich das Präsidentenamt der Leopoldina, äußerlich durch Übergabe dieser verpflichtenden Kette, die manchmal nicht leicht auf den Schultern liegt. In der damaligen Noch-DDR war dieses Datum aber auch der letzte Tag der alten und der Vorabend einer neuen Währung. Mit gering geschätzter Ost-Mark beglich mein Vorgänger Heinz Bethge die letzte Rechnung in seiner Präsidentschaft, die erste Unterschrift in meiner Amtszeit leistete ich in D-Mark für die Kosten der Feierlichkeiten. Ein ähnlich gutes Gefühl der Genugtuung, diesem neuen Unternehmen "Die Junge Akademie" mein Signum gegeben zu haben, verspüre ich deshalb auch an diesem persönlichen 10. Jahrestag. Man dankt den jungen Zeitzeugen und den alten Brückenbauern.

Infos

Über die Ansprache

Die nebenstehende Rede hat Benno Parthier, der damalige Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher am 30. Juni 2000 anlässlich der Gründung der Jungen Akademie vorgetragen.

Diese und die anderen Reden zu diesem Anlass sind im Jahrbuch der BBAW 2000 dokumentiert. Das Jahrbuch kann bei der BBAW heruntergeladen oder als Sonderdruck über die Geschäftsstelle der Jungen Akademie bezogen werden.

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