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24.01.2018

Wissenschaftsverlage beugen sich Zensurvorschriften aus China

Junge Akademie fordert Schutz von Wissenschafts- und Publikationsfreiheit

Im Herbst 2017 wurde bekannt, dass große und renommierte Wissenschaftsverlage in Europa und den USA zunehmend Zensurvorschriften aus der Volksrepublik China erhalten. Nach wie vor wird an dieser Praxis festgehalten. Meist mittelbar, über chinesische Importgesellschaften, wurden Anweisungen der Zensurbehörden weitergeleitet, die vor allem vorsehen, auf der Grundlage von Stichwortlisten, Veröffentlichungen zu bestimmten Themen wie zum Beispiel Kulturrevolution, Taiwan oder Tibet in Fachzeitschriften und in Form von E-Books für Nutzerinnen und Nutzer in China zu sperren.

Die Junge Akademie sieht diese Entwicklung mit größter Besorgnis und fordert alle Wissenschaftsverlage auf, für die Prinzipien von Wissenschafts- und Publikationsfreiheit sowie akademischer Integrität und Qualität einzustehen und diese, wie auch ihre Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Leser, gegen jedwede Bestrebungen der politischen Kontrolle und sonstige Einschränkungen aus der VR China wie auch aus jeder anderen vorstellbaren Richtung zu verteidigen.

Öffentlich wurde die Reaktion von Cambridge University Press, die circa 300 Fachartikel – zum Beispiel aus The China Quarterly, einer der angesehensten Zeitschriften der Chinawissenschaften – für den Abruf aus China sperrte. Auf tagelangen Protest der Fachcommunity hin machte der Verlag jedoch kurz darauf eine Kehrtwende, veröffentlichte eine Übersicht der zuvor zensierten Artikel und schaltete diese auf seiner Website in China wieder frei. Ganz anders der noch größere deutsche Wissenschaftsverlag SpringerNature, der laut Recherchen von Journalisten circa 1.000 Artikel in seinem Angebot für China sperrte und auch bei dieser Entscheidung geblieben ist. Kolleginnen und Kollegen in China bestätigen diese Einschränkungen. Nach Angaben von Medienberichten sind weitere Verlage betroffen.

Intransparente Selbstzensur ist inakzeptabel
„Als Junge Akademie sehen wir in dem Verhalten der Wissenschaftsverlage eine neue Dimension in der Diskussion um Presse- und Meinungsfreiheit“, sagt Anna Lisa Ahlers, Sinologin und Politikwissenschaftlerin an der University of Oslo und Mitglied der Jungen Akademie. Die intransparente Selbstzensur sei inakzeptabel. „Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisieren wir die Einschränkung des Angebots aufs Schärfste.“ Sie bedeute zudem eine Diskriminierung von Leserinnen und Lesern in China, denen die vollumfängliche Teilnahme am internationalen Wissenschaftssystem unmöglich gemacht wird. Vor dem Hintergrund, dass China große Anstrengungen unternimmt, um zu einer führenden Wissenschaftsnation zu werden, sollten die Verlage ihre eigene Position im Bemühen um Presse- und Meinungsfreiheit nicht unterschätzen.

Mitglieder der Jungen Akademie sprechen sich in unterschiedlichen Formaten immer wieder für die Einhaltung der Wissenschaftsfreiheit aus. Aktuell entsteht beispielsweise eine Kurzfilmreihe zum Thema, in der die beteiligten Mitglieder am Beispiel ihres Forschungshintergrundes die Notwendigkeit von Freiräumen in der Wissenschaft erklären und damit auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs ein Bewusstsein für das Thema schaffen wollen.

Weiterführende Informationen
Ben Bland: Outcry as latest global publisher bows to China censors. Financial Times. 01.11.2017. https://www.ft.com/content/2d195ffc-be2e-11e7-b8a3-38a6e068f464 (Abruf: 29.11.2017)

Ben Bland: China censorship drive splits leading academic publishers. Financial Times. 05.11.2017.
https://www.ft.com/content/b68b2f86-c072-11e7-b8a3-38a6e068f464 (Abruf: 29.11.2017)

Steffen Wurzel: Deutscher Wissenschaftsverlag zensiert Angebot. Deutschlandfunk. 14.11.2017.
http://www.deutschlandfunk.de/china-deutscher-wissenschaftsverlag-zensiert-angebot.2907.de.html?dram:article_id=400598
(Abruf: 08.01.2018)

Ben Bland: Sage is latest publisher to warn of China censorship pressures. Financial Times. 21.11.2017.
https://www.ft.com/content/9610c574-ce85-11e7-b781-794ce08b24dc (Abruf: 29.11.2017)

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Die Junge Akademie wurde im Jahr 2000 als weltweit erste Akademie für herausragende junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ins Leben gerufen. Ihre Mitglieder stammen aus allen wissenschaftlichen Disziplinen sowie aus dem künstlerischen Bereich - sie loten Potenzial und Grenzen interdisziplinärer Arbeit in immer neuen Projekten aus, wollen Wissenschaft und Gesellschaft ins Gespräch miteinander und neue Impulse in die wissenschaftspolitische Diskussion bringen. Die Junge Akademie wird gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina getragen. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin.
Im Rahmen eines interdisziplinären Projekts zum Thema Wissenschaftsfreiheit entsteht derzeit eine Kurzfilmreihe, in der die Notwendigkeit von Freiräumen in der Wissenschaft erklärt und damit auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs ein Bewusstsein für das Thema geschaffen werden soll.

 

Kontakt
Anne Rohloff
Tel.: (030) 203 70-563
Email: presse@diejungeakademie.de

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