12.04.2018

Von Beutelwölfen, synthetischem Fleisch und dem Mikrobiom des Menschen

Insgesamt 40 Menschen zwischen 16 und 76 – darunter Schülerinnen, Studierende, Lehrerinnen, Künstler oder Journalisten – beschäftigten sich am 15. März 2018 mit Zukunftsszenarien zur Synthetischen Biologie.

Foto: Christof Rieken

Die Tische bestückt mit Post-it-Zetteln in allen Farben, Buntstiften und Aufklebern: Arbeitsmaterialien in jeglicher Form warteten auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops „Synthetische Biologie – Ein Blick in die Zukunft“, der am 15. März 2018 von der Jungen Akademie, der Schering Stiftung und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet wurde. Insgesamt 40 Menschen zwischen 16 und 76 – darunter Schülerinnen, Studierende, Lehrerinnen, Künstler oder Journalisten – nahmen die Gelegenheit zur Gedankenspielerei wahr und wagten das Experiment. Sie beschäftigten sich mit den von vier Expertinnen und Experten entwickelten Zukunftsszenarien zu den Themen Biodiversität, Lifestyle, Gesundheit und Klimawandel. Folgende Fragen leiteten durch den Tag: Wie gehen wir persönlich – aber auch unsere Gesellschaft – mit den neuen Entwicklungen um? Mit welchen Risiken ist zu rechnen, welche positiven Folgen werden erwartet? Wie können wir zukünftige Entwicklungen heute ethisch bewerten? Wie würde man die zukünftigen Entwicklungen bewerten, wenn sie bereits jetzt Realität wären?

Was ist denkbar?
Während sich eine Gruppe mit der Frage beschäftigte, ob sich durch die Synthetische Biologie etwa das Artensterben – am Beispiel des Beutelwolfs demonstriert – eindämmen ließe, widmete sich eine andere Gruppe dem Thema „Personalisierte Medizin“. Der eingeladene Experte Dr. Thomas Böttcher, Chemiker an der Universität Konstanz und Mitglied der Jungen Akademie, skizzierte einführend mögliche Entwicklungen im Zusammenhang mit dem von ihm entwickelten Szenario: „Es könnte gelingen, die Komposition eines Organismus komplett zu verändern. Unser eigenes Mikrobiom könnte verändert werden!“ Welche Auswirkungen der Einsatz der Synthetischen Biologie auf unsere Ernährung und damit auch auf eine bestimmte Art Lifestyle haben kann, zeigte die Auseinandersetzung mit einem Restaurant, das auf synthetisch erzeugte Burger setzt. Im Bereich Klimawandel bearbeitete eine Workshop-Gruppe ein Szenario, das angesichts des Diesel-Skandals aktueller denn je erscheint: Bakterien mit synthetischer DNA erlauben es, das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft einzufangen und direkt in Benzin umzuwandeln.

Expertenrat
Aber auch dem Nachdenken über Grenzen und Möglichkeiten der Synthetischen Biologie abseits konkreter Beispiele bot der Workshop Raum. Die Wissenschaftlerin Dr. Gisela Badura-Lotter brachte als Expertin ethische Fragen in die Diskussion ein: „Ist eine neu erschaffene Entität ein Mensch oder doch etwas Anderes? Welchen moralischen Status hat dieses neu erschaffene Wesen?“ Bei rechtlichen Fragen war Simone Ruf, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Juristischen Fakultät an der Universität Augsburg, die richtige Ansprechpartnerin. Dr. Kathrin Vohland, Leiterin des Forschungsbereichs Wissenschaftskommunikation und Wissensforschung am Museum für Naturkunde Berlin, konnte mit ihrer Expertise im Bereich Biodiversität unterstützen.

Zukunftsszenarien erfahrbar machen
Welche Auswirkungen haben welche Entwicklungen auf welche gesellschaftlichen Gruppen? Diesen vielen W‘s versuchten sich die TeilnehmerInnen in ihren intensiven Diskussionen zu nähern. „Der Grundgedanke des Workshops-Konzepts ist, möglichst konkrete Personen zu entwickeln und sich in sie hineinzuversetzen, um in einem zweiten Schritt die Auswirkungen der Zukunftsszenarien aus Sicht dieser Personen besser erfassen zu können“, erläutert Dr. Marion Schulte zu Berge, Leiterin der Geschäftsstelle der Jungen Akademie, die Herangehensweise bei der Vorbereitung. Die Gruppe, die sich mit dem Beutelwolf beschäftige, entwickelte zum Beispiel zwei Figuren, anhand derer sie die Auswirkungen der Genreproduktion und der Erschaffung von Lebewesen veranschaulichte: Die Geschäftsführerin einer NGO im Umweltbereich Gisela Müller – ökologische Lebensweise, Freigeist, visionär – sieht in der Auswilderung des „wiederbelebten“ Beutelwolfes die Chance für eine berufliche Neuorientierung. Matilda Swartz, eine 42-jährige Schäferin hingegen muss aufgrund der Angriffe des Beutelwolfes um ihre seltenen Schafe fürchten. Eigentlich eine Verfechterin der Erhaltung aller Tierarten, sieht sie sich bei der Neuansiedlung des Beutelwolfes in einem moralischen Dilemma gefangen.

Zukunft kreativ denken
Warum gerade die heterogene Zusammensetzung der Gruppen bei diesem Vorgehen sinnvoll sein kann, erklärte im anschließenden Abendvortrag auch die Innovationsforscherin am Austrian Institute of Technology Dr. Petra Schaper-Rinkel: „Jede Disziplin, jede gesellschaftliche Gruppe, jeder Beruf kann eine Technologie immer nur aus dem eigenen Wissen denken.“ Die auf Foresight spezialisierte Politikwissenschaftlerin betonte die Notwendigkeit, unterschiedlichste Disziplinen bei der Auseinandersetzung mit Zukunftstechnologien zu beteiligen. Um überhaupt auf gute Ideen zu kommen, griffen die Moderatoren des Workshops auf unterschiedliche Methoden des Design Thinkings zurück wie dem Train-Brainstorm. Unter Zeitdruck – der gewollt war – galt es, kreative Gedanken zu entwickeln, bzw. diese überhaupt erst zuzulassen. Diese Art der Veranstaltung war auch für die Kooperationspartner Die Junge Akademie, Schering Stiftung und Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften selbst ein großes Experiment. Es war nicht selbstverständlich, dass die derart heterogen zusammengesetzten Gruppen gut funktionieren und auf die Methoden des Design Thinkings ansprechen würden.

Positives Fazit
Aber insbesondere die Zusammensetzung der Workshop-Gruppen war für die TeilnehmerInnen eine positive Erfahrung: „Für mich war diese Form der Organisation völlig neu und interessant. Ich fand es besonders gut, dass Gruppen aus sehr unterschiedlichen Personen zusammengestellt wurden“, betont einer der Teilnehmer im Rentenalter, der seinen naturwissenschaftlichen Hintergrund einbringen konnte. „Ich habe schon häufiger mit sehr heterogenen Gruppen im Bereich der Synthetischen Biologie in Workshops gearbeitet, jedoch waren diese nicht auf so vielen Eben heterogen wie die Gruppe beim diesem Workshop. So viele Achsen der Heterogenität konnten hier angesetzt werden - fachlich, beruflich oder Alter. Es hat mich stark beeindruckt, dass es keine Denkbarrieren oder totale Verweigerung in Hinblick auf die Synthetische Biologie gab. Die verschiedenen Blickwinkel auf das Thema befruchten neue Denkansätze und Weiterentwicklungen des Themas“, schildert Nicolas Krink, Doktorand auf dem Gebiet der Synthetischen Biologie und Vorstandsmitglied der German Association for Synthetic Biology, seine Beobachtung (Das vollständige Interview mit Nicolas Krink lesen Sie hier). Abschließend konnten die Gruppen ihre Ergebnisse allen Workshop-TeilnehmerInnen präsentieren. Die Verantwortlichen ziehen ein positives Fazit ihres thematischen und methodischen Experiments: Auswirkungen der Synthetischen Biologie wurden auf den unterschiedlichsten Ebenen diskutiert – und das nicht zuletzt wegen der bunt gemischten Gruppen. Zwei Herausforderungen lassen sich dennoch feststellen: die gewollte Zeitknappheit und die Dokumentation der Ergebnisse am Ende des Workshops. Insgesamt fielen aber auch die Rückmeldungen der TeilnehmerInnen positiv aus, die das Experiment gewagt hatten.

Warum Zukunftstechnologien Imagination brauchen
Der Experte Tobias Erb, Direktor am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg und Mitglied der Jungen Akademie, stellte zu Beginn des Workshops die grundlegende Frage, wie eine freie und jedem zugängliche Biologie gestaltet werden könne, die uns hilft, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzugehen. Die Antwort darauf versuchte im Anschluss an den Workshop die Politikwissenschaftlerin und Innovationsforscherin Dr. Petra Schaper-Rinkel zu geben. Sie erläuterte, dass die zukünftige Entwicklung der Synthetischen Biologie stark vom Engagement öffentlicher und privater Forschung, von politischen Rahmenbedingungen und von gesellschaftlichen Ansprüchen abhängen wird. Die Frage, wer in welcher Form die Innovationen entwerfen, entwickeln und nutzen wird, ist dabei ihrer Meinung nach zentral. Geschichten, Visionen und Szenarien verorten die Technologie in einer gesellschaftlichen Zukunft und können damit die Grundlage für eine gesellschaftliche Ko-Konstruktion der Technologie vorantreiben. Wer den Abendvortrag verpasst hat, kann ihn hier oder auf dieser Webseite in voller Länge sehen.

Wer sich mit dem Thema Synthetische Biologie beschäftigen möchte findet unter anderem auf folgenden Webseiten hilfreiche Informationen:

German Association for Synthetic Biology GASB (https://www.synthetischebiologie.org/)
„Die GASB will die Synthetische Biologie in die Mitte der Gesellschaft tragen - da sich die Innovationen der Synthetischen Biologie in Zukunft auf alle Bereiche der Gesellschaft auswirken werden. Dazu versuchen wir in einen aktiven Dialog mit der Gesellschaft und der Politik zu treten. Nur, wenn wir als Wissenschaftler die Ängste, Sorgen aber auch Visionen aller Menschen kennen, können wir unser Handel anpassen und zu Erklärungen ansetzten. Kunst und Design können Medien dieses Dialoges sein und bieten zugängliche Formate die einen Einblick in eine mögliche utopische oder dystopische Zukunft geben können“, erläutert Vorstandsmitglied Nicolas Krink das Selbstverständnis der GASB. Das vollständige Interview, das wir mit ihm im Zusammenhang mit seiner Teilnahme am Workshop geführt haben, ist hier zu lesen.

Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie VAAM (https://vaam.de/)
„In der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM) sind etwa 3500 mikrobiologisch orientierte WissenschaftlerInnen zusammengeschlossen. Die VAAM fördert den wissenschaftlichen Informationsaustausch und die Zusammenarbeit ihrer Mitglieder, mit dem Ziel, Forschungsergebnisse der Mikrobiologie zum Wohl der Gesellschaft und der Umwelt umzusetzen“, heißt es in der Selbstbeschreibung auf der Webseite.

Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie GBM (https://www.gbm-online.de/)
„Heute ist die GBM die größte biowissenschaftliche Fachgesellschaft Deutschlands. Sie bietet ihren rund 5300 Mitgliedern aus Hochschulen, Forschungsinstituten und Industrie nach außen eine starke Interessenvertretung gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit, sowie Gelegenheiten zu internationaler Kooperation. Nach innen eröffnet die GBM zahlreiche Möglichkeiten der Vernetzung und der Förderung der wissenschaftlichen Karriere“, heißt es in der Selbstbeschreibung auf der Webseite.

Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin in Deutschland (https://www.vbio.de/)
„Der VBIO ist das Dach der biowissenschaftlichen Fachgesellschaften und seiner Landesverbände; er ist politisch, ideologisch und wirtschaftlich unabhängig. Unsere Vision ist eine Gesellschaft, die die Bedeutung der Biologie für die Gesundheit des Menschen und die Umwelt erkennt und die dieses Wissen zum Wohle der Menschheit nutzt“, heißt es in der Selbstbeschreibung auf der Webseite.

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