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30.07.2018

Demokratie und Autokratie im 21. Jahrhundert: Projekte in Oslo und Bonn

Anna Lisa Ahlers, seit 2017 Mitglied in der Jungen Akademie und Mitglied der AG Internationalisierung, spricht über ihren Aufenthalt als Gastwissenschaftlerin an der Universität Bonn und ihre Arbeit in der Jungen Akademie.

Anna Lisa Ahlers

Bild: Robert Tudor

Anna Lisa Ahlers ist Sinologin und seit 2017 Mitglied in der Jungen Akademie. Im Sommer war sie für einige Wochen in Bonn, um dort als Gastwissenschaftlerin zu forschen. Wir haben mit ihr über ihre Forschungsarbeit, die Zeit in Bonn und ihre Mitgliedschaft in der Jungen Akademie gesprochen.

Du forschst als Sinologin und Politikwissenschaftlerin an der University of Oslo. Womit genau beschäftigst Du Dich derzeit?

Momentan untersuche ich, zusammen mit einer internationalen und interdisziplinären Gruppe von Kollegen, wie die chinesische Gesellschaft mit dem massiven Problem der Luftverschmutzung umgeht. Gerade die so genannte „Airpocalypse“ des letzten Jahrzehnts hat ja ein ziemliches Umdenken in der Umweltpolitik, und allgemein im Umweltbewusstsein der Bevölkerung, bewirkt. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist es für mich besonders interessant, zu analysieren, wie die neuen ambitionierten Aktionspläne der Zentralregierung in Beijing auf der lokalen Ebene umgesetzt werden. Einerseits kann die Regierung, wenn sie sich einmal diese Ziele gesetzt hat, im chinesischen Fall ja ganz anders ‚durchgreifen‘ – also ad-hoc beschließen, persönliche Freiheiten und Konsum, wie zum Beispiel das Autofahren, einzuschränken, ganze Industrieparks umzusiedeln oder für Veranstaltungen mal eben den Himmel blau zu zaubern etc. – aber das alles muss von den lokalen Behörden umgesetzt werden, und dort passiert dann viel Spannendes, was wir uns in unseren landläufigen, recht groben Bildern von politischen Prozessen in einer Autokratie vielleicht erst einmal gar nicht vorstellen. Erste Ergebnisse unserer Untersuchungen wurden gerade in The China Quarterly veröffentlicht.

Darüber hinaus arbeite ich derzeit an Studien zu „Authoritarian Inclusion? The Political Value Patterns and Inclusion Formulas of Modern Authoritarianism” und bereite einen Projektantrag zum Thema “Siniscienced: Forms and Effects of China’s Growing Ambitions to Shape the Global System of Science” vor.

Im Juni warst Du für etwa vier Wochen als Gastwissenschaftlerin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Was war das Ziel deines Aufenthalts?

In Bonn habe ich im Forum Internationale Wissenschaft (FIW) zusammen mit Kollegen der dortigen Abteilung für Demokratieforschung an einer Buchpublikation zum Thema „Demokratische und autoritäre politische Systeme in der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts: Inklusion, Responsivität und Differenzierung“ gearbeitet. Das ist verknüpft mit meinem Osloer Projekt zu „Authoritarian Inclusion“. Wir bereiten eine zweibändige Monographie vor, die im ersten Teil die Grundlagen und verschiedene Dimensionen einer Theorie politischer Inklusion vorstellt, und im zweiten Band Fallstudien, also vor allem Länder- und Regionenstudien enthält. Im ersten Teil schreibe ich zum Beispiel an einem Kapitel zum Zusammenhang von Inklusionsimperativen und der internen Differenzierung politischer Systeme in vertikale Ebenen, also zum Beispiel von community bis global governance, und in verschiedene Subsysteme, wie zum Beispiel Parteien, Militär oder Massenverbänden. Zusammen mit Rudolf Stichweh diskutiere ich dann in einem anderen Kapitel die Bipolarität von Demokratie und Autoritarismus in politischen Systemen der Gegenwart. Im zweiten Band kommt natürlich wieder viel mehr meine Regionalwissenschaft zum Tragen; dort gibt es einen längeren Beitrag zum chinesischen politischen System.

Während der drei Wochen in Bonn hatte ich Zugang zu spezieller Literatur, die wir im Projekt verwenden, konnte an den Texten arbeiten und mich ausführlich und kontinuierlich mit den Kollegen darüber austauschen. Da wir ja auch die ganze Zeit die Passung für ein gemeinsames Buch im Blick haben müssen, gab es in den letzten Junitagen dann einen richtigen Workshop in dem wir konkret die bisherigen Manuskripte diskutiert haben und die nächsten Fristen festgelegt haben.

Wie schätzt Du die Bedeutung derartiger Gastaufenthalte ein?

Ich finde, auch im Zeitalter von E-Mail, Clouds und Skype ist die gemeinsame Arbeit an Texten in Anwesenheit von unschätzbarer Bedeutung. Gerade dieser längere Aufenthalt in Bonn war für mich wirklich sehr wichtig, da ich für die letzten Textbesprechungen immer nur für zwei bis drei Tage vor Ort war, und da kam man gerade zur Besprechung der vorgelegten Texte oder Themen und musste dann wieder abreisen. Viel mehr gemeinsames Diskutieren und Nachdenken war dann gar nicht möglich. Zudem hatte ich Zeit, mich viel mehr auf dieses Projekt zu fokussieren als es im Osloer Arbeitsalltag der Fall ist. Und nicht zuletzt ist es im FIW und am Rhein ja auch einfach sehr schön.   

Seit 2017 bist Du Mitglied in der Jungen Akademie. An welchen Projekten arbeitest du derzeit mit?

Derzeit sind es vor allem AG-Vorhaben, mit denen ich beschäftigt bin. Ich bin begeistertes Mitglied der AG Internationalisierung, in der wir uns anschauen, was Institutionen und Akteure in der Wissenschaft unter diesem Schlagwort eigentlich genau verstehen. Es zeigt sich ja oft, dass „Internationalisierung“ sehr unterschiedliche Assoziationen, Bedeutungen und Strategien beinhalten kann. Aber auch wissenschaftstheoretisch ist es interessant: Im Oktober diskutieren wir zum Beispiel in einem Internationalisierungsgespräch an der CEU Budapest mit Gästen das Thema globaler Asymmetrien in der internationalen Wissenschaft.

Zudem mache ich momentan auch noch im Film-Projekt zur Wissenschaftsfreiheit mit. Voraussichtlich Mitte August kommt das Filmteam nach Oslo, um mich zur Bedeutung des Themas für meine Arbeit als Chinaforscherin zu interviewen.

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