Ausführliche Projektbeschreibung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind in vielfältiger Weise Normen unterworfen. Der Komplex von Sollens- und Verbotsvorschriften ist dabei sehr vielfältig und heterogen. Natürlich gibt es die allgemeinen Bestimmungen der Rechtsordnung, die für Wissenschaftler gelten; so ist es ja auch nach dem Strafgesetzbuch verboten, eine Koryphäe auf einer internationalen Tagung zu meucheln oder seinen Betreuer und die Kollegen zu bestehlen. Hinzu kommen jedoch in den letzten Jahren verstärkt kodifizierte Verhaltenserwartungen, die speziell für das Handeln von Forschern formuliert wurden, etwa die "Grundsätze zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" der DFG.

Doch diese Kodifikationen erfassen nur einen vergleichsweise kleinen Ausschnitt von Handlungen, etwa die Probleme von Fälschung und Autorschaft. Ihre Normen orientieren sich unausgesprochen an bestimmten Disziplinen und versuchen für diese, einige besonders unerwünschte Verhaltensweisen festzulegen, so dass im Falle des Zuwiderhandelns institutionelle Sanktionen drohen. Ihr Fokus ist dabei vergleichsweise schmal, das meiste scheint durch diese Verrechtlichungen oder Verregelungen nicht erfasst. Auf zahlreiche andere Disziplinen sind diese Arten von Vorschriften ohnehin kaum sinnvoll anwendbar, und die tatsächliche Implementation durch Kommissionen, Forscherteams und die zuständigen Individuen steht nochmals auf einem ganz anderen Blatt.

Über diese punktuellen Forschungsvorschriften hinaus bestehen vielfältige Normen für das richtige Handeln von Wissenschaftlern. Die Vermutung ist sogar, dass diese anderen Normen den Löwenanteil stellen und keineswegs weniger bedeutsam sind, auch wenn sie nicht in verschriftlichter Form von einer Institution erlassen wurden. Hier geht es um Konventionen, Standards, um das, was sich in einer bestimmten Situation oder Rolle geziemt, wie man sich korrekterweise zu benehmen hat (also teilweise auch um Höflichkeitsregeln), um wissenschaftlichen Stil oder anders gesagt: um "Manieren".

Diese Manieren normieren in umfassender Weise Verhaltenserwartungen an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Kaum ein Handlungsfeld, für das es nicht Normen der Schicklichkeit und Klugheit gibt: Vorworte und Danksagungen, die einzusendenden "üblichen Bewerbungsunterlagen", der korrekte Stil insbesondere von Qualifikationsarbeiten, die Wahl von Forschungsthemen, die strategische Planung des eigenen wissenschaftlichen Lebenslaufs ("have been in America"), die demonstrative Anwesenheit am Arbeitsplatz zu früher oder später Stunde, das geziemende Auftreten auf Konferenzen und im Bewerbungsgespräch (Anreden, Titel, Gestus, Habitus, Kleidung), jeweils angemessene Formen für eine Kontaktaufnahme im Umgang mit Höheren, Gleichen und Niederen, der Aufbau von Netzwerken, verschiedenartige Normen für Männer und Frauen; die Bewertung von sog. "Modethemen", Zitierkonventionen, Normen für den Umgang mit Kritikern, Einfädeln von Besprechungen und wohlwollenden Reviews, Tipps für sonstiges karriereförderliches Verhalten und vieles mehr.

Nicht nur das Recht hat hierzu wenig oder nichts zu sagen. Auch die Ethik oder Moral gibt auf die meisten dieser Fragen keine Antworten, teils, weil sie in letzter und erforderlicher Präzision nicht in ihren Regelungsbereich fallen, teils weil ihr viele dieser Fragen an sich bereits zu trivial erscheinen. Insofern geht es hier nicht im eigentlichen Sinne um die Frage der Ethik in den Wissenschaften.

Natürlich sind solche Normierungen von Manieren nicht der Wissenschaft vorbehalten, aber es besteht doch die Vermutung, dass es spezielle Regeln gibt, die gerade für die Wissenschaft gelten. Diese Regeln sind für gewöhnlich nicht verschriftlicht, im Gegenteil, ein besonderes Problem scheint gerade darin zu bestehen, dass sie weder fixiert noch transparent sind. Oft wird ihre Existenz, ihre angebliche Verbindlichkeit, ihre mutmaßliche Geltung nur dann sichtbar und gegebenenfalls angesprochen, wenn jemand einen Verstoß beobachtet haben will. Selbst in diesen Fällen kommt es oft nur zu Diskussionen mit mehr andeutenden Stellungnahmen als dass die Dinge offen verhandelt würden. Obgleich insofern die Bewertung von Einzelfällen teilweise heftig umstritten sein mag, so besteht an der prinzipiellen Geltung solcher ungeschriebenen Gesetze dennoch kein Zweifel und ihre zentrale Bedeutung für das individuelle Fortkommen und für die Konstitution des Faches wird von allen Beteiligten besonders hoch eingeschätzt. Oft kommt den individuellen Mentoren die Aufgabe zu, ihre Schüler in diese Form von offenen Geheimnissen einzuweisen. Dahinter stehen ganz unterschiedliche Qualitätskonzepte verschiedener Autoritäten über richtiges wissenschaftliches Arbeiten, was die Frage nur noch heikler und kontroverser macht. 

Die AG Manieren! will einige exemplarische Sondierungen in diesem Feld vornehmen. Unser Eindruck ist dabei, dass sich die gegenwärtige Diskussion über Normen im Kontext von Fälschungsfällen und der Ethik der Forschung auf einige wenige Verhaltensweisen reduziert, was dem tatsächlichen Umfang und der Bedeutung der oben angesprochenen Normierungen nicht gerecht wird. Ob diese Einschätzung richtig ist, und was die Universitäts- und Wissenschaftssoziologie dazu zu sagen hat, möchten wir in einer ersten Expertenbefragung klären. Dann sollen Studien unternommen werden, die einerseits die großen disziplinären, situativen, geografischen und weitere Differenzen berücksichtigen, die es offensichtlich gibt, die andererseits aber auch vergleichbare und vergleichende Elemente beinhalten. Interessant wäre dabei insbesondere zu wissen, welcher normierende Druck von der zunehmenden Marktorientierung und Ökonomisierung projektgebundener Wissenschaft ausgeht. Denn es ist zu vermuten, dass sich dies über den Einfluss auf die Art der Forschung und die Präsentation der Ergebnisse hinaus auch auf die Inhalte niederschlägt.  

Stil und Manieren der Wissenschaft(ler) sollen daher nicht wie oft als Appendix zu den "eigentlichen" Inhalten abgetan, sondern als Konstituens behandelt werden. Denn Stil und Inhalt lassen sich auch in der Wissenschaft vermutlich nicht voneinander trennen.

 

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