Preisfrage 2005

Wo bleibt die Zeit? Preisträger 2005


1. Preis „Wo bleibt die Zeit?“ (Fotoserie)
von Hannes Hartmann, Leonie Mohr und Julia Schiller, Berlin


Hannes Hartmann, Jahrgang 1972, besuchte nach der Matura in Wien die Fachschule für Möbel- und Innenausbau, war Tischlergeselle und studierte in der Meisterklasse für Bühnenbild und Kostümentwurf an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mozarteum in Salzburg (Diplomabschluss) sowie Kunstgeschichte in Wien.

Leonie Mohr, Jahrgang 1975, studierte nach dem Abitur in der Meisterklasse für Bühnenbild und Kostümentwurf an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mozarteum in Salzburg (Diplomabschluss). Seitdem hatte sie zahlreiche Engagements als Bühnenbildassistentin u.a. bei den Salzburger Festspielen und an der Hamburgischen Staatsoper.

Julia Schiller, Jahrgang 1974, studierte nach dem Abitur in der Meisterklasse für Bühnenbild und Kostümentwurf an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mozarteum in Salzburg (Diplomabschluss). Danach war sie engagiert als Bühnen- u. Kostümbildassistentin in Potsdam u. Essen. Sie absolvierte ein Postgraduate Studium Szenographie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg.

Nach gemeinsamem Studium am Mozarteum in Salzburg, gründeten die drei im Jahre 2003 die Gruppe "Festgestalten". Sie sind tätig als Bühnen- und Kostümbildner für Theater und Film und leben in Berlin.

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Laudatio der Jury: "Den Preisträgern gelingt es in fesselnder Art, eine allegorische Antwort auf die diesjährige Preisfrage zu geben. In einer Serie von zwölf Fotografien, allesamt ohne Bewegung, ohne Leben: Stillleben, vergegenständlichen sie Zeit. 'Zeit' wird nicht selten mit Knappheit und Hektik assoziiert. Aber aus diesen Bildern spricht große Ruhe, Gelassenheit und Kraft. Die Fotos, technisch erstklassig, zeigen uns alltägliche Situationen im Bad, an der Bushaltestelle oder am Schreibtisch; kurze Augenblicke, fast Schnappschüssen ähnlich. Doch erzählen sie überlegt vom Vergehen und Zurückbleiben von Zeit. Wie? Mit einer einfachen und eindrücklichen Metapher: Sand. Wie in Sanduhren als akkuraten und fast hypnotisierenden Zeitmessern aus vergangenen Tagen, so symbolisiert Sand in diesen Fotos verbliebene Zeit. Die Sandhügel und Sandspuren, die die Fotografien zeigen, sind angehaltene Sandstoppuhren. Der Sand wird sichtbare und begreifbare Raumzeit: wie viel Zeit verbleibt an welchem Ort? Dabei scheinen die Sandstoppuhren ganz individuell verbliebene Zeiten anzudeuten: ein kleiner Hügel im Cafe, eine große Masse in der Küchenspüle. Wo bleibt die Zeit? An den Orten, an denen wir sie verbringen. Aber dann doch auch nicht für immer: der Sand wird von Regen und Wind davongetragen werden, an andere Orte. Und vielleicht bleibt die Zeit dann dort."

2. Preis: „Wo bleibt die Zeit?“ (Kartenspiel) von Christiane Scheller, Berlin

Christiane Scheller , Jahrgang 1970, studierte Literatur, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Erlangen und Berlin. Auf ihren Magisterabschluss 1997 folgten verschiedene PR-, Redakteurs- und Textertätigkeiten in München, Hamburg und Berlin. Seit 2002 arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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Laudatio der Jury: "Die Frage 'Wo bleibt die Zeit?' wird hier im wahrsten Sinne auf spielerische Art beantwortet, nämlich durch ein Kartenspiel. Auf zweiunddreißig Spielkarten werden ebenso vielen fiktiven Personen Kurzantworten auf die Preisfrage in den Mund gelegt. Darunter sind Plattitüden wie 'Die Zeit vergeht. Das Ergebnis ist dann: Sie ist vergangen', aber auch nachdenklichere Betrachtungen und Aussagen zur Zeit als physikalischer Größe. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem subjektiven Zeitgefühl von Menschen ganz unterschiedlicher Berufe, in verschiedenen Lebenssituationen und in unterschiedlichen Lebensaltern zwischen einem und neunundachtzig Jahren. Mehr oder weniger alltägliche Tätigkeiten werden in die Zeitverwendungskategorien unterhaltsam, langweilig, außergewöhnlich und unangenehm eingeordnet, und jede der Personen gibt Beispiele für Tätigkeiten - und deren Dauer - in jeder der vier Kategorien. 'Mia (57) im Vorruhestand' (deren Aussage 'Die Zeit bleibt in den Tiefen unserer Haut' lautet) verweist beispielsweise unter unangenehm auf 'Rückengymnastik, 10 Minuten pro Tag' und unter außergewöhnlich auf 'Brautkleid nähen, 100 Stunden in 57 Jahren'. Insgesamt entsteht so ein buntes Mosaik aus unterschiedlichen Herangehensweisen an die Frage 'Wo bleibt die Zeit?', das in seiner Gesamtheit auf unprätentiöse Art viel Klugheit und eine ordentliche Portion Weisheit verpackt."

3. Preis: „Kleinerer Versuch über den Staub. Eine Spurensuche“ (Essay) von Roland Mayer, Berlin

Roland Mayer, 1977 in Flensburg geboren, studierte an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Kunstwissenschaft und Medientheorie sowie Philosophie und Ästhetik. Er schloss sein Studium mit einer Magisterarbeit zur Conceptual Art 2003 ab. Seit 2004 ist er Stipendiat des Karlsruher Graduiertenkollegs "Bild-Körper-Medium. Eine Anthropologische Perspektive". Er arbeitet an einer Dissertation zur Geschichte und Ästhetik erkennungsdienstlicher Bildpraktiken.

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Laudatio der Jury: "Wo bleibt die Zeit? In seinem Essay Kleinerer Versuch über den Staub wählt der Verfasser einen vielleicht raffiniert einfachen, aber bestimmt äußerst originellen Zugang zur Beantwortung der Frage. Er holt die Zeit auf den sprichwörtlichen Boden der Tatsachen zurück. Zeit, so wenig greifbar sie doch erscheinen mag, hinterlässt materielle Spuren. Unmissverständlich die Antwort auf die Preisfrage: 'Im Staub lesen wir die Zeit'. Im Staub hinterlässt die Zeit einen materiellen Rest, eine diffuse Zeitspur, ein 'Archiv der Stoffe'. Doch Staub, so der Verfasser, ist mehr als nur Rest, Spur oder Archiv des Vergangenen. Staub ist ebenso Medium, welches die Spuren des Vergangenen erst sichtbar macht: Staub ist eine Einschreibefläche der Zeit: Der Lichtstrahl erscheint erst durch die Existenz von Staubpartikeln als Strahl; der schwarze Staub der Kriminologen macht die scheinbar unsichtbaren Spuren der Vergangenheit sichtbar; Historiker und Archäologen bringen Tatsachen vergangener Zeit ans Licht bringen, indem sie Staub aufwirbeln. In seinem Essay gibt uns der Verfasser eine überzeugende, originelle, wenn auch paradox anmutende Antwort auf unsere Preisfrage: 'Nicht nichts bleibt also' von der Zeit, so der Autor, 'doch dieses fast nichts ist zugleich fast alles: Staub.'"

Teilnahme und Preisverleihung


Die Einsendungen auf die fünfte Preisfrage brachen alle Rekorde: 744 Teilnehmer reichten 735 Antworten ein. 17 Beiträge wurden von der Jury für die Publikation im Katalog zur Preisfrage der Jungen Akademie ausgewählt. Sie sind zusammen mit ausgewählten weiteren Beiträgen in einer Online-Ausstellung zu sehen.

Textbeiträge machten wie im Jahr zuvor den größten Anteil der Einsendungen aus (555 Einsendungen, d.h. 75% aller Beiträge). Am häufigsten vertreten waren Gedichte (190 oder 26%) gefolgt von Erzählungen (160 oder 22%) und Essays (152 oder 21%). Außerdem wurden wissenschaftliche Abhandlungen, Theaterstücke, Dialoge, Briefe, Umfragen, Berichte, Märchen und anderes mehr eingereicht. Neben Texten wurden 33 Bilder, 30 Filme, 23 Fotos, 21 Skulpturen, 10 Collagen, Kompositionen, Installationen, Plakate, Bücher und eine Erfahrungsbox eingesandt.

103 Antworten (14%) kam aus Berlin, 69 Einsendungen (9%) aus den östlichen und 494 (66%) aus den westlichen Bundesländern. Diese Aufteilung entspricht denen der letzten Jahre. In der Konkurrenz der Bundesländer hat auch diesmal Nordrhein-Westfalen die Nase vorn. Es folgen wie im Jahr zuvor Bayern und Baden-Württemberg. Die Beiträge aus dem Ausland zeigen eine bisher nicht erreichte Streuung. Als neues EU-Mitglied ist Lettland mit einer Antwort vertreten. Die meisten ausländischen Einsendungen kamen aus den deutschsprachigen Nachbarländern Österreich und Schweiz. Auf dem dritten Platz wurde Frankreich von Italien abgelöst. Den weitesten Weg legte ein Beitrag aus Nepal zurück. Auch aus Großbritannien und den USA wurden wieder Beiträge geschickt.

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War der Anteil von Frauen und Männern bei der letztjährigen Preisfrage ausgeglichen (wie auch bei der Frage "Was ist es, das in uns schmerzt?"), überwogen dieses Jahr die Einsendungen der Männer. 53 % machten ihre Einsendungen aus, 47 % die von Frauen. Damit interessierte die Frage nach dem Tier die Frauen mehr als die Männer, die nach dem Wissen die Männer mehr als die Frauen, während die Fragen nach Europa und nach dem Schmerz auf gleiches Interesse stießen.

Preisverleihung

Die Preisverleihung fand am 16. Juli 2006 im Rahmen der Festveranstaltung der Jungen Akademie statt - anlässlich des Wissenschaftssommers diesmal in München. Die Festansprache hielt der Bremer Psychologe Jens Förster zum Thema "Die Zeit ist was ihr seyd - und ihr seyd was die Zeit". Der Vorsitzender der Jury, Ulrich Krotz, gab die Preisträger bekannt.

Das Preisgeld wurde gestiftet von der Commerzbank-Stiftung.

Rede zur Bekanntgabe der Preisträger von Ulrich Krotz

Pressemitteilung zur Preisverleihung

Spurensuche

Im November 2006 luden die Junge Akademie und der Berliner Wissenschafts-Verlag die Teilnehmer an der Preisfrage 2005 und alle interessierten Gäste ein, dem Thema Zeit noch weiter nachzugehen. Unter dem Titel "Werden Sie Zeitzeuge!" verfolgten die Berliner Künstler Gößwein & Matz gemeinsam mit den Mitgliedern der Jury und den Preisträgern eine Zeitspur durch die Flure, Säle, Treppenhäuser und auf den Dächern des Akademiegebäudes am Gendarmenmarkt. Sie gestalten eine szenisch-musikalische Collage aus ausgewählten Antworten zur Preisfrage, ergänzt um Kurzbeiträge der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus der Jungen Akademie. . Ein anschaulicher Bericht über die "ungewöhnliche Performance-Reise" erschien im Junge Akademie Magazin, Heft 5.

Bericht über die "ungewöhnliche Performance-Reise" im Junge Akademie Magazin, Heft 5

Einladung "Werden Sie Zeitzeuge!"

 
 
 
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