Preisfrage 2004

Welche Sprache spricht Europa?
Preisträger 2004


1. Preis „Welche Sprache spricht Europa oder Über die Ermordnung der Butterblume“ (Essay) von Daniela Dröscher, Berlin


Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, hat 1996 das Abitur in Meisenheim gemacht. Danach hat sie Germanistik, Anglistik und Philosophie an der Universität Trier studiert und English Literary Studies an der Middlesex University London. Nach ihrem Magister-Examen an der Universität Trier war sie Forschungsstudentin des Graduiertenkollegs "Idenität und Differenz. Interkulturalität und Geschlechterdifferenz". Seit 2004 promoviert sie im Fach Europäische Medienwissenschaft und ist Kollegiatin im Graduiertenkolleg "Visualität/Visuelle Kulturen" an der Universität Potsdam.

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Laudatio der Jury: „Die Sprache der Wissenschaft verändert das Leben. Relativität, Quanten, Dekonstruktion, Postmoderne - alles (europäische) Ideen, Hypothesen, Theorien, die in einer spezifischen Sprache alte Realitätsvorstellungen aus den Angeln gehoben haben. Doch - wie lebt es sich, wenn man so losgelöst denkt und spricht? Daniela Dröscher hat als Antwort das Protokoll einer Beobachtung von sich selbst und von Sprachgenossen erstellt. Es ist die so professionelle wie privatime Aufzeichnung der Widersprüche, des Geredes, der Ängstlichkeit, der Luxusdialoge, des Herumtaumelns der Geisteswissenschaften und deren Vertreter, die die europäische postmoderne Sprache der Dekonstruktion sprechen. Im Leben, beim Handeln und Entscheiden, in der Politik bleiben die Zuhälter der Texte, die Welt=Text-Verfechter, die Graphophilen und Graphophilister stumm. Sie erkennen das Schreckliche, das erschreckender Weise Existierende der Ereignisse nicht, weder "das Herzzerreißende der Dinge" (Adorno), noch "das unerklärliche Felsgebirge" (Kafka). Die Sprache der Epigonen des großen Dekonstrukteurs ist erbärmlich, wenn die Welt auf sie trifft. Gegen Nostalgie und Sinnlosigkeit, gegen Zurücknahme und Bedenklichkeit, gegen das (europäische) Aussprechen des Ich-möchte-lieber-nicht (-Handeln) setzt Daniela Dröscher auf Aufklärung, auf eine Sprache Europas, die "vernünftig, poetisch, wahrhaftig" sein soll. Ohne in eine dumpfe Dekonstruktion der Dekonstruktion zu verfallen, vollkommen aufgeklärt über die Dialektik der Aufklärung, riskiert sie ein Ver-Sprechen und löst es in dem Text ein: Die Sprache des Lebens verändert die Wissenschaft.“

2. Preis: "Die Europäerin" (Fotobuch) von Mareike Hölter, Berlin

Mareike Hölter, Jahrgang 1978, hat nach der mittleren Reife eine Ausbildung als Bauzeichnerin in Berlin absolviert. Von 1999 bis 2004 studierte sie Kommunikationsdesign an der Akademie für Gestaltung/ecosign in Köln. Seit März 2005 lebt sie wieder in Berlin.

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Laudatio der Jury: „In den Sprachen Europas manifestieren sich auch die Bilder, die ihre Sprecher gegenseitig voneinander pflegen: in Bezeichnungen und Redewendungen finden sich Vorurteile und Klischees, die mindestens ebenso viel über die Erfinder und Verwender solcher Ausdrücke erzählen, wie über die Bezeichneten selbst. Siebzehn Portraits von europäischen Frauen liegt eine Recherche von Klischees zugrunde, die wir Deutschen von deren Nationalitäten hegen. Die portraitierten Frauen sind viel weniger Individuen als eine integrale Summe der Meinungen über sie, die in der vorangegangenen Umfrage geäußert wurden. Die Frauen blicken uns an mit Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit, und scheinen uns fragen zu wollen, ob wir sie wirklich so sehen. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten der Portraits - die sich in der Lektüre des Vorwortes erklären: es handelt sich immer um dieselbe Person, es sind Selbstportraits der Autorin. Sie schreibt: "In der Selbstinszenierung habe ich einen Weg gefunden, meine eigenen Klischees mit denen der Befragten zu verbinden und zu verkörpern. So stelle ich mich als Projektionsfläche für eine spezifisch deutsche Sichtweise auf die ‚Europäerin' zur Verfügung." Die Inszenierung spielt gekonnt mit alltäglichen Plattitüden und löst augenzwinkernd primäre Erwartungen ein, und hält so einer allzu naiven Vorstellung vom kulturellen Reigen der Identitäten einen doppelbödigen Spiegel vor - ein humorvolles Bild für die europäische Einheit in der Vielfalt, die wir jeweils nur selbst verkörpern können. Die Jury verleiht den zweiten Preis dem kraftvollen, spielerischen und intelligenten Selbstversuch 'Die Europäerin' von Mareike Hölter.“

3. Preis: „Welche Sprache spricht Europa? Dialog über die Legitimationsgrundlagen politischer Entscheidungsfindungen unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses der EU zur Türkei“ von Jürgen Sikora, Köln (Essay)

Jürgen Sikora, Jahrgang 1973, hat Diplompädagogik an der Universität zu Köln studiert mit dem Schwerpunkt Philosophie. Danach hat er im Fach Diplompädagogik als Stipendiat der Universität Köln promoviert mit einer Arbeit über zukunfstverantwortliche Bildung. Zur Zeit ist er Mitarbeiter an der Abteilung für Geschichte mit dem Projekt "Europäisierung der Europäischen Union", sowie dem Projekt "Konstitutionalisierung der EU seit 1950". Darüber hinaus ist er freier Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung im EU-Büro Bonn.

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Laudatio der Jury: „Die Frage, "Welche Sprache spricht Europa?" wird in diesem Essay in einem übertragenen Sinne dahingehend beantwortet, dass Europa und hier insbesondere die EU, die Sprache eines kulturübergreifenden, reflexiv-politischen Dialoges spricht und sprechen sollte, der das Gegenüber als einen gleichgestellten Gesprächsteilnehmer betrachtet. Damit sind hier in Ansätzen Formen einer Politik institutionalisiert, die sich jenseits der Bezugnahme auf die jeweiligen gruppenspezifisch oder nationalstaatlich konstituierten Interessen an einem diskursiv ausgehandelten Gemeinwohl orientiert. Alle Versuche, in der gegenwärtigen Erweiterungsdiskussion die Türkei nur als einen Diskursteilnehmer zweiten Ranges - z.B. durch die Erfindung einer privilegierten Partnerschaft - zu betrachten, sind vor diesem Hintergrund als Rückfall in eine Politik zu verstehen, die sich nicht an verallgemeinerbaren Geltungsansprüchen orientiert, sondern an gruppenspezifischen Interessen. Dem Autor des Essays gelingt es, seine Position vor allem unter Bezugnahme auf Argumente aus der Rechtsphilosophie von Jürgen Habermas sorgfältig und nachvollziehbar zu begründen. Dabei gerät er allerdings niemals in die Gefahr eines bloß theoretischen Diskurses, der die empirischen Anwendungsbedingungen politisch-philosophischer Reflexion außer Acht lässt, da der Autor seine Überlegungen mit Hinweisen zur Geschichte des Verhältnisses von EU und Türkei stützt, so dass es sich hier um einen rundweg gelungenen Essay handelt.“

Teilnahme und Preisverleihung

Auf unsere vierte Preisfrage haben wir 268 Einsendungen von 287 Teilnehmerinnen und Teilnehmern erhalten. Mit über 75 Prozent machten Textbeiträge dieses Jahr den größten Anteil der Einsendungen aus. Darunter fanden sich 70 Essays, 48 Gedichte, 23 Erzählungen, 17 Kurzgeschichten, zehn wissenschaftliche Abhandlungen sowie Theaterstücke, Dialoge, Einzeiler, Krimis, Interviews, Briefe und anderes mehr. Neben den Texteinsendungen erreichten uns auch Collagen, Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Installationen, Videos, Gesellschaftsspiele, Grafiken, Klanginstallationen, Plastiken, ein Musikal und ein Kartenspiel.

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55 Einsendungen (22%) kamen aus Berlin, aus den übrigen östlichen Bundesländern 17 (7%) und aus den westlichen Bundesländern 175 (70%). Damit ist die Verteilung in etwa gleich geblieben wie in den Jahren zuvor. Die westlichen Bundesländer führt Nordrhein-Westfalen an gefolgt von Bayern und Baden-Württemberg. Die Zahl der Beiträge aus dem Ausland betrug 38 und lag diesmal mit 13% fast dreimal so hoch wie in den Jahren zuvor. Die meisten Einsendungen kamen aus Österreich, der Schweiz und Frankreich. Zum ersten Mal kam ein Beitrag aus Serbien. Den weitesten Weg legte ein Beitrag aus Australien zurück. Aus den USA und Großbritannien haben dieses Jahr keine Beiträge zu uns gefunden.

Zum ersten Mal haben sich gleich viele Männer wie Frauen an der Preisfrage beteiligt. Während 57% Frauen wissen wollten, was im Tier uns anblickt, aber nur 43% Männer, waren es 63% Männer und nur 36% Frauen, die benannten, was wir wissen wollen. Die jüngste Teilnehmerin - soweit wir Altersangaben von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben - ist die zehnjährige Lisa Schrittwiesen aus Gollard in Österreich, der älteste Teilnehmer der sechsundsiebzigjährige Hans J. Preussler aus Rommerskirchen.

Themen, die in vielen Einsendungen auftauchten, waren das gemeinsame Erbe Europas, seine Geschichte, seine Sprache, ferner Fragen der Identität und - oftmals bei Beiträgen aus dem Ausland - die Frage des Zugangs bzw. des Nichtdazugehörens zur EU.

Preisverleihung

Die Preisverleihung fand im Juni 2005 im Rahmen der Festveranstaltung der Jungen Akademie in Berlin statt. Der Vorsitzender der Jury, Cord Müller, gab die Preisträger bekannt. Stipendiaten der Internationalen Ensemble Modern Akademie spielten eine „musikalische Festansprache“ zur Preisverleihung. Die selbst noch junge Internationale Ensemble Modern Akademie wurde 2003 gegründet. Sie vergibt Stipendien an junge Instrumentalisten, Komponisten und Klangregisseure, um die künstlerische Auseinandersetzung zwischen hochqualifiziertem Nachwuchs und Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft zu fördern.

Das Preisgeld wurde gestiftet von der Commerzbank-Stiftung.

Rede zur Bekanntgabe der Preisträger von Cord Müller

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