Zur Deutungsmacht der Biowissenschaften

Publikationen


Sammelband „Zur Deutungsmacht der Biowissenschaften“


Wenn X den Y erschlägt, dann ist X schuld – jedenfalls dann, wenn er es auch hätte sein lassen können. Wenn X dagegen zu seinem Tun gezwungen war und gar nicht anders konnte, dann ist X nicht schuldig.

Da die Neurowissenschaften nahe legen, alles menschliche Verhalten werde durch Hirnzustände festgelegt, die diesen vorangehen, müsste X demnach nicht seiner Schuld wegen zur Rechenschaft gezogen werden. Schuld und Sühne, so scheint es, bedürfen im Lichte der Neurowissenschaften einer neuen Deutung. Derartige Neudeutungen von Begriffen weisen auf ein Phänomen hin, das wir als die „Deutungsmacht der Biowissenschaften“ bezeichnen.

Die Deutungsmacht der Biowissenschaften ist aber nicht schon dann gegeben, wenn biowissenschaftliche Deutungsansprüche aufgestellt werden; wesentlich ist die affirmative Rezeption solcher Deutungsansprüche. Wegen der großartigen Erklärungserfolge der Biowissenschaften (Entschlüsselung des genetischen Codes, Fortschritte im Bereich der Hirnforschung usw.) werden biowissenschaftliche Erklärungen heute oft unhinterfragt als ultimative Erklärungen aufgefasst. Insofern die Biowissenschaften auf dem traditionellen Terrain der Geisteswissenschaften ihre Erklärungsansprüche geltend machen, also Begriffe wie Seele, Identität, Gefühle, Schönheit auf biologische Kategorien zurückführen, kollidieren sie mit den Erklärungsansprüchen der Geisteswissenschaften.

Ziel dieses Bandes ist es nicht, im Namen der Einheit der Wissenschaften eine Biologisierung der verschiedenen Phänomenbereiche voranzutreiben. Vielmehr geht es darum abzuwägen, wie es denn um die Berechtigung biowissenschaftlicher Deutungsansprüche in verschiedenen Bereichen tatsächlich bestellt ist.
 
Mit Beiträgen von Paul B. Baltes, Daniel C. Dennett, Julia Fischer, Christoph Halbig, Andreas Hüttemann, Doris Kolesch, Martin Korte, Wolf Singer, Meredith Small, Manfred Spitzer und Felix Thiele

Andreas Hüttemann (Hrsg.), Zur Deutungsmacht der Biowissenschaften, Paderborn: mentis 2008

Interviews

Im Sommer 2002 und Frühjahr 2003 sprach die Arbeitsgruppe mit Wolf Singer und Paul B. Baltes über die Reichweite biologischer Erklärungen, im Dezember folgte ein Interview mit Daniel C. Dennett, im Frühjahr 2004 ein weiteres mit Meredith Small.

Eine gekürzte Fassung des Interviews mit Paul B. Baltes erschien im Januar 2007 im Junge Akademie Magazin („Die Tugend der Sprachlosigkeit“, Heft 5, S. 14-15). Eine stark gekürzte Fassung des Interviews mit Wolf Singer wurde unter dem Titel „Deutungsmacht, Gefühle und Willensfreiheit“ in das von JA-Mitgliedern herausgegebene „EGB. Emotionales Gesetzbuch“ aufgenommen (S. 132-138).

Alle vier Interviews wurden zudem in den oben genannten Abschlussband der Arbeitsgruppe aufgenommen.

 
 
 
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