Relativität

Die Arbeitsgruppe

Aussagen über Beobachtungen unterliegen dem Relativitätsprinzip, das bereits im 17. Jahrhundert von Galilei aufgestellt wurde. Gültigkeit und Sinngehalt dieser Aussagen lassen sich demnach nur in Bezug auf eine zugrunde liegende Perspektive diskutieren. Als Konsequenz aus dem Relativitätsprinzip stellen sich einige Grundsatzfragen, die in verschiedenen Zusammenhängen und zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich beantwortet worden sind.

  • Relation: Wie lassen sich verschiedene Beobachterperspektiven miteinander in Beziehung setzen?
  • Bewertung: Welche Beobachterperspektiven sind einander gleichwertig und wie lassen sich ungleichwertige Perspektiven bewerten?
  • Abstraktion: Welche Anteile von Beobachtungen sind unabhängig von der Perspektive bzw. welche Anteile lassen sich „absolut“ beschreiben?

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Ausgehend von den genannten Grundsatzfragen konkretisierte sich die thematische Ausrichtung der AG Relativität in Arbeitsschwerpunkten, die sich unter folgenden Fragen und Aspekten zusammenfassen lassen:

„Warum ist rot eigentlich rot und hat nicht eine andere Farbe?“

Alle sind in ihrer Wahrnehmung mit sich selbst allein – sinnlich, reflektiv, normativ, transzendent, pathologisch. Gleichzeitig sind wir (aus gutem Grund) der Meinung, auch andere hätten Erlebnisse, die unseren irgendwie gleichen – Menschen, auch Tiere, bewusstes Leben, andere Intelligenzen.

„Erlebst du das hier denn jetzt auch gerade?“

Und nicht nur das: wir glauben sogar, über unsere Wahrnehmungen mit anderen sprechen zu können, und zwar in einer Art und Weise, die konsistent ist in dem Sinne, dass das Gemeinte seinen Sinn nicht verliert, wenn es sich auf andere als die eigenen Wahrnehmungen bezieht. Und wir glauben darüber hinaus, uns in andere hinein „versetzen“ zu können. In der Psychologie ist dieser Perspektivenwechsel ein interessantes Feld: Die Frage, ab welcher Altersstufe die Relativität eigener Wahrnehmungen, Attitüden, Emotionen erkannt wird, hat vor allem Entwicklungspsychologen beschäftigt. Auch in der Autismusforschung finden ähnliche Konzepte Anwendung. Wenig untersucht sind dagegen die Variationsbreite der subjektiven ‚Relativität' und deren Determinanten unter gesunden Erwachsenen. Aus der Physik steht folgendes Zitat zur Diskussion: „What the observer knows is inseperable from  what the observer is: the physical state of his memory implies his information about the universe. [...]  In this manner, the distinction between ontology and epistemology - between what is and what is  known to be – is dissolved“. (W.H. Zurek, „Decoherence, einselection, and the quantum origins of the  classical“, Rev. Mod. Phys., 75, 715 (2003)).


„Worauf kommt es an?“

  • Jeder Beobachter hat einen (gewissen, willkürlichen, unwillkürlichen...) Einfluss auf die Beobachtung. Welche Konsequenzen hat dies für die Relationen zwischen verschiedenen Beobachtern?
  • Welche Möglichkeiten und Kriterien existieren für eine sinnvolle Sprache über Wahrnehmungen, Erlebnisse und Beobachtungen?
  • Was empfinden wir als relativ? Was sehen wir als allgemeingültig an?
  • Was davon trifft von einem anderen Standpunkt aus zu? Wann können wir uns einigen?

Folgende konkrete Fragen sind Ausgangspunkte der Problematisierung:

  • Welche sprachlich-logischen Konsequenzen ziehen wir aus der stochastischen Struktur der globalen Beschreibung einer Vielzahl von Einzelbeobachtungen (d.h. was bedeutet es, dass wir retrospektiv „summieren“, aber nicht auf Einzelfälle extrapolieren können - anders gefragt:  welche Realität schreiben wir einer Statistik zu?
  • Wie können wir „ästhetische“ Vorgänge „relativistisch“ beschreiben?
  • Inwiefern ist eine selbstbezügliche logische Struktur in Argumentationen mit globalem Anspruch notwendig („anthropisches Prinzip“, Hermeneutik, mathematische Logik u.ä.)?
  • Wie wirken sich Beschränktheit und Unbeschränktheit unserer Vorstellungskraft bzw. unseres Erfahrungshorizonts auf unsere (ästhetischen, Wert-, Vernunft-, Spontan-, Vor-) Urteile aus?
  • Inwiefern sind sie für uns notwendig?
  • Warum haben philosophische Konzepte wie De- und Konstruktivismus, Post- und Strukturalismus unsere (alltägliche) Sprache so wenig verändert? Welche sprachlichen Konsequenzen daraus müssen wir eigentlich ernst/ernster nehmen?
  • Welche nicht- oder para-logischen Sprechweisen können die Welt (irgendwie anders) ernsthaft beschreiben (wie etwa Haiku, Mystik, Witz, Allegorie, Metapher)?

Veranstaltungsdokumentation

Tagungen

Die AG Relativität hat zwei Veranstaltungen durchgeführt: die internationale Sommerakademie und Arbeitstagung „per.SPICE! Wahrheit und Relativität des Ästhetischen“ sowie die interdisziplinäre Tagung „Moralischer Relativismus“.

Publikationen

Die Ergebnisse der Veranstaltungen der AG Relativität sind in zwei Sammelbänden und einem Zeitschriftenartikel dokumentiert.

 

Mitglieder

  • Hannes Rakoczy

    Ansprechpartner

    Hannes Rakoczy
    Psychologie
    Georg-August-Universität Göttingen
    Hannes Rakoczy zur Person
  • Giovanni Galizia

    Giovanni Galizia
    Biologie
    Universität Konstanz
    Giovanni Galizia zur Person
  • Doris Kolesch

    Doris Kolesch
    Theater- und Literaturwissenschaft
    Freie Universität Berlin
    Doris Kolesch zur Person
  • Barbara Stiebels

    Barbara Stiebels
    Allgemeine Sprachwissenschaft
    Universität Leipzig
    Barbara Stiebels zur Person
  • Christoph Halbig

    Christoph Halbig
    Philosophie
    Universität Zürich (Schweiz)
    Christoph Halbig zur Person
  • Julia Eckert

    Julia Eckert
    Sozialanthropologie
    Universität Bern (Schweiz)
    Julia Eckert zur Person
  • Christian Fleischhack

    Christian Fleischhack
    Mathematik / Theoretische Physik
    Universität Paderborn
    Christian Fleischhack zur Person
  • Andreas Keil

    Andreas Keil
    Kognitive Neurowissenschaft
    University of Florida, Gainesville (USA)
    Andreas Keil zur Person
  • Bettina Beer

    Bettina Beer
    Ethnologie
    Universität Luzern (Schweiz)
    Bettina Beer zur Person
  • Julia Fischer

    Julia Fischer
    Biologie
    Georg-August-Universität Göttingen
    Julia Fischer zur Person
  • Julian Klein

    Julian Klein
    Komposition
    IKF - Institut für künstlerische Forschung, Berlin
    Julian Klein zur Person
  • Cord Müller

    Cord Müller
    Theoretische Physik
    Bayerisches Landesamt für Maß und Gewicht
    Cord Müller zur Person
  • Ricarda Schubotz

    Ricarda Schubotz
    Kognitive Neurologie
    Westfälische Wilhelms-Universität Münster
    Ricarda Schubotz zur Person
  • Gerhard Ernst

    Gerhard Ernst
    Philosophie
    Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
    Gerhard Ernst zur Person
 
 
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