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Preisfrage 2003
Jardin des Plantes, Paris. Der alte Mann und der Junge schauen dem Panther
lange zu. "Ein so starkes Tier - und kann nicht raus". "Ja",
murmelt der Alte und beginnt, leise aufzusagen:
"Sein Blick ist vom Vorübergehn der
Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein."
"Der guckt wirklich ziemlich traurig", meint der Junge. "Ja",
erwidert der Alte, "und Tiere schauen uns eben auch an." Der
Junge wird nachdenklich: "Was mögen die dann denken und fühlen?
In Deinem Gedicht geht ein Bild in den Panther, hört aber im Herz
auf zu sein. Das finde ich irgendwie komisch. Der Panther schaut uns auch
an, stimmt. Aber dann hört da doch nichts auf zu sein! In dem geht
bestimmt auch etwas vor". Der Alte schweigt. Nach einer Weile sagt
er: "Das genau ist die Frage: Was im Tier blickt uns an?"
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Preisträger 2003
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1. Preis
(5.000 EUR)
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„Mimesis“
(Gemälde) von Michael Oliver Flüß, Düsseldorf
Jahrgang 1966, hat von 1987-1995 Humanmedizin in Bochum und Essen
studiert und darin auch promoviert, dann 1999-2002 auch Philosophie
an der Universität Düsseldorf studiert. 1998 hat er seine
Facharztausbildung in Nuklearmedizin und Radiologie begonnen. Er
hatte Forschungsaufenthalte am Forschungszentrum Jülich im
Bereich Neurowissenschaften und unterrichtet an der Fachhochschule
Aachen. Parallel dazu hat er auch eine Ausbildung in Aktmalerei
und Zeichnung erhalten und eigene Werkgruppen in Münster und
Düsseldorf gegründet. Seit 1989 sind seine Arbeiten in
zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen vertreten. Er lebt
mit Frau und Kind in Düsseldorf.
„Fische, Abflüsse, Maschinen, Namen. Das sieht man auf
den Diptychen des Michael Oliver Flüß. Was in den Fischen
blickt uns an? Die überraschende Antwort lautet: die Technik,
Installationen, Schaltungen, Röhren. Nicht die Natur, nicht
das Natürliche, oder gar das Menschliche im Inneren der Lebewesen,
sondern etwas Gemachtes, vom Menschen Gefertigtes, Künstliches
starrt aus diesen Bildern auf uns zurück. Das kunstvoll Gemachte
betrifft nicht nur Schaltungen und Urinoirs oder Fontänen,
sondern die Gattung, das Leben selbst. Neue Fischarten sind zu entdecken.
Fischmaschinen, Maschinenfische, kybernetische Organismen, Cyber-Fische.
Sie anblickend sieht der Betrachter-Mensch immer nur sich selbst.
Was bleibt, sind Montagen und Namen. Weisnasen-stör, Kachelsalm,
Unschuldskarpfen - jeweils mit lateinischer Denomination. Die mit
dem ersten Preis ausgezeichnete Antwort auf die Frage 'Was im Tier
blickt uns an?' lädt ein zu einer Kreuzfahrt auf dem Meer der
fröhlichen Wissenschaft.“
(Aus der Laudatio zur Preisverleihung am 3. Juli 2004)
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2. Preis
(2.500 EUR)
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„Nah Fern Anders“
(Prosatext) von Wolfgang Gretscher, München
Jahrgang 1958, hat von 1979-1986 Anglistik und Germanistik studiert
und war im Anschluss daran Studienreferendar. Von 1988-1996 hat
er u.a. als freier Übersetzer gearbeitet. Danach war er Redakteur
beim Privatfernsehen. Seit 1998 arbeitet er in der Softwarelokalisierung.
Er lebt mit seiner Familie in München.
„Ausgehend von Rilkes Gedicht 'Der Panther' hören wir die
Assoziationen des Erzählers, während er den Panther hinter
den Gitterstäben betrachtet. In diesem inneren Monolog greift
er verschiedene Aspekte der Beziehung zwischen Tier und Mensch auf
- ein Kaleidoskop düsterer Bilder und Gedanken. Obwohl als
Monolog angelegt, bricht der Text in vielstimmige Fragmente, in
denen es Gretscher auf kunstvolle Weise gelingt, die Blicke seines
Erzählers auf die Tiere mit literarischen Anleihen zu verflechten.
Zugleich macht diese Annäherung aber sichtbar, dass sich das
Betrachtete immer weiter zu entfernen scheint, je genauer man hinguckt.
Die Dialektik der Annäherung verdichtet sich eindringlich im
Titel der Arbeit: 'Nah Fern Anders'“.
(Aus der Laudatio zur Preisverleihung am 3. Juli 2004)
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3. Preis
(1.500 EUR)
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„Life“
(Installation) von Dominik Dempf, Burghausen
Jahrgang 1939, hat Chemie studiert und 1970 an der TH München
promoviert. Danach war er für ein Jahr mit einem DAAD-Stipendium
an der Universität Berkeley. Seit 1971 ist er Betriebsleiter
in der Chemischen Industrie. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder
und lebt in Burghausen.
„Dominik Dempf bezieht sich mit seiner Installation in faszinierend
verfremdender Weise auf die von Rilke geschilderte Käfig-Situation
des Panthers aus dem Jardin des Plantes. So werden die physikalischen
Eigenschaften der Skulptur wie die kantigen vergitterten Quader
und die glatten, spiegelnden Oberflächen der Kugeln, die an
dünnen Drahtseilen hängend fast schwebend wirken, zur
Interpretationsfläche. Sie bilden Kontraste, die die Dichotomie
Mensch-Tier, Körper-Geist, Innen-Außen, akzentuieren
und - betrachterabhängig - Metaphern schaffen. Die einzelnen
Komponenten der Installation, die an "Käfige" und
"Augen" erinnern, werden durch die variable räumliche
Anordnung auf unterschiedlichste Weise miteinander in Verbindung
und Spannung gebracht. Die daraus resultierenden kommunikativen
Wirkungen beziehen den Betrachter auf vielfältige Weise als
Partizipienten mit ein und fordern ihn auf, sich auf eine zunächst
vielleicht befremdliche Zwiesprache mit dem Kunstwerk einzulassen.“
(Aus der Laudatio zur Preisverleihung am 3. Juli 2004)
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Das Preisgeld wurde gestiftet von der COMMERZBANK-STIFTUNG.

Reden zur Preisverleihung
Lesung zur Preisfrage
2003 von Katja Lange-Müller
Rede zur Bekanntgabe der Preisträger
von Barbara Stiebels

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Einsendungen
416 Einsendungen von 459 Teilnehmern haben uns bis Ende Dezember 2003
als Antworten auf die Preisfrage 2003 erreicht. Wie in den Jahren zuvor
machten auch diesmal Texte den größten Anteil der Einsendungen
aus: 280 Texte sind eingegangen, darunter Gedichte, Essays, Erzählungen,
Kurzgeschichten, Dramen. Außerdem wurden 34 Fotografien, 30 Gemälde,
25 Zeichnungen, 13 Installationen, 10 Skulpturen, 8 Collagen und Plastiken,
sowie Texte mit Bildern. Dazu eine Animation, eine Wort-Klang-Kollage,
ein Comic, eine Fotoarbeit, ein Hörstück, eine Klanginstallation,
eine Komposition, eine Radierung, ein Kalender, ein Roman.
Rund 78 der Antworten kamen aus Berlin - das sind 17%, also etwas weniger
als 2002 (18%) -, 24 aus den übrigen östlichen Bundesländern
(7%, wie in 2002), 311 aus den alten Bundesländern (das sind 68%
im Vergleich zu 70% im Vorjahr). Von den westlichen Bundesländern
liegen Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen mit 85, 71 und 39 Einsendungen
vorn (Baden-Württemberg wurde damit von Platz 2 im Vorjahr auf Platz
7 gedrängt). 23 Einsendungen erreichten uns aus dem Ausland, womit
die Quote bei 5% wie im letzten Jahr blieb. Die meisten davon kamen aus
Österreich, gefolgt von der Schweiz und Frankreich. Den weitesten
Weg legte ein Gemälde aus Australien zurück.
Der Anteil von Männern und Frauen unter den Antwortenden hat sich
gegenüber dem letzten Jahr erheblich verschoben. Befassten sich mit
der Wissens-Frage letztes Jahr nur 36% der Frauen aber 63% der Männer,
verhält es sich bei der Tier-Frage nahezu umgekehrt: 57% der Einsendungen
kamen von Frauen, nur 43% von Männern. Die älteste Teilnehmerin
bei der Preisfrage 2003 ist - soweit das Alter der Teilnehmer uns bekannt
ist - die einundsiebzigjährige Margarete Mücke aus Krefeld,
der jüngste Teilnehmer ist der neunjährige Jonathan Solbach
aus Morsbach.
Auffällig war in diesem Jahr, dass viele Einsendungen eine große
emotionale Nähe zum Thema aufwiesen. Sehr oft wurde die Individualität
des geschilderten Tieres (dazu gehörten vor allem Hunde und Katzen)
hervorgehoben durch die Einsendung vieler Fotos, aber auch die Bedeutung
der Tiere für das eigene Leben betont und auf diese Weise das Besondere
und Innige der Mensch-Tier-Beziehung zum Ausdruck gebracht.
9 der 416 Einsendungen wurden von der siebenköpfigen Jury für
die Publikation in einem geplanten Katalog zur Preisfrage der Jungen Akademie
ausgewählt. Die dafür bestimmten Einsendungen, einschließlich
der drei prämierten Werke, sowie einige andere Arbeiten wurden der
Öffentlichkeit in einer Ausstellung im Rahmen der Festveranstaltung
der Jungen Akademie am 3. Juli 2004 in Halle gezeigt.

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