| |
Preisfrage - Anfang und Ende (von Rainer Maria
Kiesow)
Es begann vor neun Jahren mit der Idee, Gesellschaft und Wissenschaft
zusammenzuführen. Doch, was interessiert die Gesellschaft,
die doch auf eine geheimnisvolle Weise mit dem Volk - oder der Bevölkerung
- zu tun zu haben scheint, eigentlich, ja eigentlich, am meisten? Wissenschaft
dürfte als Antwort auf diese Frage kaum prämiert werden. Jedenfalls
nicht die Wissenschaft - was auch immer die Wissenschaft
repräsentieren mag. Und die klassischen Antworten Gesundheit,
Arbeit, Frieden, Liebe haben allenfalls vermittelt etwas mit Wissenschaft
zu tun. Den ersten Preis als Antwort auf die Frage, was die Leute - um
noch eine weitere Präzisierung des Begriffs die Gesellschaft
zu nennen - eigentlich interessiert, würde vermutlich eine Frage
gewinnen: Wie werde ich Millionär?. Die Antwort auf diese
Frage geben seit Jahrzehnten Millionen Menschen - weltweit können
unter den Satten (die Hungrigen interessieren andere Fragen) sicher Milliarden
vermutet werden, was den Begriff der Gesellschaft endgültig auf mondiale
Dimensionen hebt. Die Antwort lautet: Lotto spielen! Doch Lotto ist Glückssache.
Und Glück ist in einer Zeit, in der die Gesellschaft auf
Wissen basiert - wobei hier offen bleiben mag, ob es sich dabei um eine
deskriptive oder normative Aussage handelt -, ja Glück ist heute
zu wenig. Neben das Glück tritt das Wissen. Dieses Wissen wurde in
der Vergangenheit durch das Lösen von Kreuzworträtseln, das
Spielen von Trivial Pursuit und das Schauen von Wim Thoelke massenhaft
eingeübt. Viel zu gewinnen gab es dabei nicht. Weswegen diese Schnittstelle
zwischen den Wissensschaffern und der Gesellschaft als Schnittstelle nicht
besondere Aufmerksamkeit erregte.
Das hat sich seit einiger Zeit geändert. Wer wird Millionär?
ist nur eine von vielen, das Fernsehprogramm füllenden, Zuschauer
anziehenden Win-shows. Wer dort ziemlich viel gewinnen möchte, muss
ziemlich viel wissen. Zufälliger und bezeichnender Weise war es ein
ordentlicher C-4-Professor für Geschichtswissenschaften, ein Spezialist
für das mittelalterliche Mönchtum, den Sachsenspiegel und das
Herforder Rechtsbuch, ein Mediävist also, der bei Günther Jauchs
Show die erste Million einsackte. An der Schnittstelle lässt sich
gut verdienen.
Die Junge Akademie hatte damals, 2001, dieses Phänomen, dass Wissen, Wissenschaft, Gesellschaft und Geld auf enge und durchaus populäre Weise verquickt sind, natürlich zur Kenntnis genommen. Aber was folgt aus dieser Beobachtung? Sollte die Junge Akademie auf der Jagd nach den Schnittstellen oder gar der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft danach trachten, bei Jauch zum Zug zu kommen, damit ihre Gesellschaftstauglichkeit demonstrieren und nebenbei eine Million verdienen? Nun, das schien aus verschiedenen Gründen wenig ratsam. Drittens, weil wir bis auf die Knochen seriös waren, zweitens, weil wir genügend Millionen bekommen hatten und erstens, weil wir die Gewinnchancen als sehr vage einschätzten.
Doch die Schnittstelle ließ uns nicht los. An ihr tätig zu werden ist schließlich eine der vornehmsten, im Gründungsstatut grundgesetzlich festgelegten Aufgaben der Jungen Akademie. Wofür die Schnittstelle allerdings erst einmal entdeckt werden musste.
Klar war nur eines: Wir wollten auf unserer Entdeckungsfahrt von den
brennenden Fragen der Gegenwart ausgehen. Interrogativ gewendet: Wer
wird Millionär?, affirmativ gewendet: Der Preis ist heiß.
Zur Schärfung des Gegenwartsbewusstseins hilft mitunter ein Blick
in die Geschichte. Und da hatten wir sie -unsere Schnittstelle: Die Preisfrage.
Akademische Preisfragen sind Kinder der Aufklärung. Keine Akademie, die etwas auf sich hielt, versäumte es im 18. Jahrhundert, einem gebildeten Publikum Fragen der Zeit zu stellen, um mit den Antworten dasselbe gebildete Publikum zu belehren und gelegentlich auch zu amüsieren. Akademien, Sozietäten, Gelehrte und Fruchtbringende Gesellschaften generierten im Europa der Lumières Tausende von Preisfragen.
Im 19. Jahrhundert beteiligten sich die organisierte öffentliche
Meinung - Zeitungen - und die Industrie am Fragenstellen, das sich mehr
und mehr wissenschaftlich gebärdete. Zur klassischen Frage Was
ist Aufklärung? gesellte sich am 1. Januar 1900 die Frage des
Stahlkonzerns Krupp Was lernen wir aus den Prinzipien der Descendenztheorie
in Beziehung auf die innerpolitische Entwickelung und Gesetzgebung der
Staaten? Interdisziplinaritiät und verbranntes Menschenfleisch
lagen in den Antworten geborgen. Im 20. Jahrhundert ist das öffentliche
akademische Fragenstellen mehr und mehr außer Mode geraten. Zuweilen
fragt noch eine Zeitschrift, wie Lettre vor Jahren nach Vergangenheit
und Zukunft, oder die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung,
wenn sie sich in einer ihrer jährlichen Preisfragen Antworten auf
das Blut in den Adern gerinnen lassende Fragen wie Soll man Dichtung
auswendig lernen? erhofft. Insgesamt aber scheint es so zu sein:
Die wissenschaftlichen Akademien arbeiten, lange Zeit. Für Fragen
haben sie keine Zeit.
Die Junge Akademie wollte nicht an eine Tradition anknüpfen. Dazu
fühlte sie sich nicht berufen, und dafür fehlte ihr vor allem
der Glaube daran, daß in den ganz modernen Zeiten noch durch Preisaufgaben
die wissenschaftliche Erkenntnis gefördert werden könnte, so
wie im 18. und 19. Jahrhundert, als gefragt wurde nach dem Ursprung
der Ungleichheit unter den Menschen, nach den Progressen der
Metaphysik, nach der Veredelung der Sitten durch die Wiederherstellung
der Wissenschaften und Künste, nach der allgemeinen Ursache
der Winde", nach dem Nutzen, das Volk zu täuschen, nach
dem Ursprung der Sprache, nach den Vortheilen, Nachtheilen
und dem Untergang des altgermanischen und namentlich altbairischen oeffentlich-mündlichen
Gerichtsverfahrens, nach der besten Methode, verfaulte Geschwüre
an den unteren Gliedmaßen zu heilen und nach der Schädlichkeit
der Schnürbrüste.
Die Antworten auf solche - thematisch keineswegs insgesamt altmodischen - Fragen können zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr durch Preisfragen motiviert werden, sondern würden - im Zweifel projektmäßig - in wissenschaftlichen Instituten erarbeitet.
Preisfragen waren also außer Mode. Im Hinblick auf ihre wissenschaftsfördernde Funktion, aber auch was ihren aufklärerischen Impetus angeht.
In der Geschichte ist der Müllhaufen der Geschichte allerdings nur
in den seltensten Fällen ein Endlager. Was einst en vogue war wird
démodé, um später wieder als dernier cri zu gelten.
Die Preisfrage - eine frische, moderne, phantasievolle, ja junge Initiative?
2001 ließ sich jedenfalls sagen: Preise sind in und
die alte Einsicht Joseph K.s, dass Fragen die Hauptsache ist,
hat nichts an Pertinenz eingebüßt.
Und vor allem: Die Junge Akademie war neugierig. Sie war neugierig, ob die Preisfrage als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft taugt. Ob der bis zum Abwinken beschworene, für die Junge Akademie obligatorische, Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft auf eine neue alte Weise anzufachen war. Ob das Licht noch einmal anging.
Heute, 2010, also nach neun Preisfragen und Tausenden Antworten in allen möglichen Formen der menschlichen Ausdruckskraft geht das Licht aus. Es hatte in der Preisfragenzeit durchaus geleuchtet, hell und weniger hell. Vielleicht zu Beginn, als mit Schmerz und Tier die Gesellschaft nicht nur in ihren akademischen Teilen angesprochen wurde, etwas heller - doch wer weiß schon, was in der Gesellschaft ankommt und was nicht? Das Problem der Preisfrage und des Wissenschaft-Gesellschaft-Diskurses stellt sich jedenfalls 2010 anders als 2001. Heute stellt sich der Gesellschaft mit dem inzwischen weitest verbreiteten Internet kein Hindernis mehr entgegen, um über jedes mit jedem zu kommunizieren. Wissenschaft und Gesellschaft brauchen keine Schnittstelle mehr, sind sie doch selbst, nachgerade total, zur Schnittstelle geworden. Im Chatroom, auf der Eigenhompage, beim Twittern, in der Welt von pad, phone, pod (von welchem Hersteller auch immer) kann eine Preisfrage, die antritt, Gesellschaft und Wissenschaft zum Dialog zu animieren, nur als gestrig wahrgenommen werden. In der Tat ging zuletzt die Zahl der Einsendungen zurück. Die Preisfrage war in alter Zeit und in jungakademischer Zeit ein Kommunikationsmedium gewesen. Es gab nicht viele andere, die Wissenschaft und Leute zusammenbrachten.
Jetzt ist eine neue Zeit angebrochen. Es kommt nicht mehr darauf an, die Möglichkeit zu schaffen, dass irgend jemand mit und zu der wissenschaftlichen Welt reden kann. Jeder kann das, was er sagen will, problemlos weltweit veröffentlichen. Heute kommt es vielmehr darauf an, in dem riesengrauen Meer der Kommunikationen, das herauszufiltern, was sich zu lesen, anzuschauen, zu konsumieren lohnt. Die Preisfrage der Jungen Akademie war der Aufruf an alle, sich zu melden. Dessen bedarf es nicht mehr. Es meldet sich ohnehin jeder, der will. Und er kann es nun. Und er oder sie treten im unendlichen Menschenplural auf. Die alte Frage der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft war einst eine der demokratischen Partizipation. Das hat sich erledigt. Und so erledigt sich die Preisfrage. Schade. Aber unausweichlich.
|